familiengeheimnis

Das große Familiengeheimnis

WO IST DIE WAHRHEIT?

Wie sieht sie aus? Wurde ein Körnchen von ihr unter den Teppich gekehrt? Oder gibt’s gar Leichen im Keller? Man braucht viel Mut und Konfliktbereitschaft, um Familiengeheimnisse zu lüften. In den meisten Fällen lohnt sich das Herumschnüffeln aber. Weil es sich meistens auch mit einer unschönen Wahrheit besser lebt als mit Zweifel und Ungewissheit.

Papa schummelt manchmal ein bisschen bei der Steuererklärung. Mama hat ganz am Anfang ihrer Beziehung mit Papa einmal mit ihm Schluss gemacht. Der geheimnisvolle Onkel, den die Kinder nie kennen gelernt haben, ist gar nicht verunglückt. Er hat sich das Leben genommen. Weil er Alkoholiker war und Schulden hatte. Omas Bruder ist nicht ganz so freiwillig nach Brasilien ausgewandert. Zuvor ist er enterbt worden – weil er schwul war. Und das hat dem Opa nicht gepasst. Weil der ja auch ein strammer Nazi war. Aber das alles darf niemand wissen! Vor allem die Kinder sollte man mit so etwas icht belasten. Das ist doch das Beste für sie. Oder?

Die Macht des Schweigens

In fast jeder Familie gibt es sie: die Dinge, über die man besser nicht spricht. Die Gründe dafür, den Mantel des Schweigens über sie zu legen, können vielfältig sein: Oft steckt Scham dahinter – passt die Wahrheit nicht ins Weltbild, wird sie eben verschwiegen oder durch Schönfärberei entschärft. Manchmal wird die Wahrheit auch als so schmerzhaft empfunden, dass sie instinktiv möglichst weit weg geschoben wird. Oder sie wird gleich kategorisch
verleugnet. Motto: Was nicht sein darf, kann auch nicht wahr sein. Oft ziehen sich solche Familiengeheimnisse über mehrere Generationen. Auch wenn immer wieder jemand ahnt, dass bei diesem einen Thema irgendetwas nicht stimmt. Aber die Suche nach der Wahrheit kann sich gerade in einem mehr oder weniger geschlossenen System wie einer Familie als sehr schwierig gestalten. Und das kann verschiedene Gründe haben. Zum einen kann die oft sogar generationenübergreifende Total- Tabuisierung eines bestimmten Themas oder Vorfalls ein nahezu unüberwindbares Hindernis auf dem Weg zur Wahrheit darstellen. Hat man das „DARÜBER spricht man nicht“ quasi mit der Muttermilch aufgesogen, bedarf es später nämlich einer ziemlich großen Überwindung, um ausgerechnet DARÜBER ein zielführendes Gespräch zu beginnen. Besonders für Kinder. Schließlich ist es ja eigentlich ungehorsam, gegen die Regeln der Eltern zu verstoßen. Und da warnt dann das Unterbewusstsein vor möglichen Konflikten und drohenden Sanktionen. Und außerdem: Wenn alle schweigen, muss man ja auch schweigen, wenn man „dazugehören“ will.

Ein Geheimnis, das generationenübergreifend das Familienleben stört

Nicole Riess wollte nicht länger schweigen. Die Psychologin wurde 1957 als ältestes von acht Kindern in eine Familie geboren, in der sich „fast alles“ ums Geschäft drehte. Wie Riess auch in ihrem Buch „Familienmythen, Familiengeheimnisse, Familiengesetz“ beschreibt, spürte sie schon als Kind, dass in ihrer Familie hinter der nach außen hin respektablen Fassade einiges nicht stimmte. „Ich habe gemerkt, dass da Geheimnisse sind, die die Erwachsenen für sich behalten. Und ich habe gespürt, dass da etwas Bitterböses abgeht“, erzählt Riess. Zu fragen wagte sie allerdings lange Jahre nicht. Dafür wurde ihre Verunsicherung immer größer. „Man fängt ja an, seinen eigenen Gefühlen und seiner Wahrnehmung zu misstrauen, wenn man spürt, dass etwas nicht stimmt“, erzählt Riess. „Und wenn man über gefühlte Probleme nicht sprechen darf, sondern immer nur hört: Es ist alles in Ordnung.“ Erst mit knapp 30 Jahren kann die Psychologin die Kraft und den Mut aufbringen, mit direkten Fragen an verschiedene Familienmitglieder und Verwandte Klarheit zu schaffen. Die Wahrheiten, die sie entdeckt, sind nicht schön. Die Geschichte ihrer Familie ist unter anderem durch mehrere Suizide geprägt. „Viele dunkle Familiengeheimnisse haben sich bei uns über Generationen gezogen“, erzählt Riess. „Und sie haben generationsübergreifend die Atmosphäre vergiftet und das Familienleben zerstört.“

Auf den Trümmern der Beziehung kann eine neue entstehen

Eines der Geheimnisse, die Riess aufgedeckt hat: Ein Bruder ihrer Mutter hat „Betrügereien begangen“ und sich später das Leben genommen. „Selbstmord ist im christlichen Glauben ja eine Todsünde“, analysiert Riess. „Das ist also ein Familiengeheimnis, das viel mit Schuldgefühlen und Scham zu tun hat. Ich glaube, meine Großmutter hat sich dafür in den Boden geschämt, weil sie glaubte, dass sie in der Erziehung versagt hat.“ Konsequenz: Der Suizid wird hartnäckig verschwiegen– auch innerhalb der Familie. Die Folgen: „Die Menschen, die meiner Mutter diese Wahrheit  verschwiegen haben, also auch meine Großmutter, waren böse zu ihr. Und sie hat das dann an uns ausgelassen.“ Seit Riess diese und andere   „unangenehme“ Wahrheiten kennt, fühlt sie sich freier und erleichtert. „Auch die Beziehung zu meinen eigenen Kindern hat sich seither positiv verändert. Und ich bin jetzt generell weniger misstrauisch und kann Glücksgefühle eher genießen.“ Für diese Entwicklung nahm sie auch den Konflikt mit ihrer Mutter in Kauf. Bis hin zur Eskalation, die dazu führte, dass monatelang Funkstille zwischen Mutter und Tochter herrschte. Für Riess ist das eine bei der Suche nach der Wahrheit durchaus akzeptable Begleiterscheinung: „Wenn es um das Lüften von Familiengeheimnissen geht, steht es meiner Meinung nach sogar dafür, Konflikte, die bis zum Bruch der Beziehung mit einem Familienmitglied führen können, zu riskieren.“ Motto: Nach dem Konflikt kann auf den Trümmern der Familie eine neue Beziehung entstehen. Und dafür lohnt es sich schon, die alte, auf Lügen gebaute zu riskieren.

„Keiner hat das Recht, alles zu wissen.“

Rosmarie Welter-Enderlin würde bei der Aufarbeitung von Familiengeheimnissen in den meisten Fällen wohl nicht ganz so weit gehen. Die   Familienberaterin und Lehrbeauftragte an der Universität Zürich hat 2003 den „American Family Therapy Academy Award“ für herausragende Beiträge zur Familientherapie erhalten. In ihrem Buch „Wie aus Familiengeschichten Zukunft entsteht“ widmet sie sich unter anderem auch dem Themenbereich  Familiengeheimnisse. „Selten sind Familiengeheimnisse so behindernd, dass sie um jeden Preis aufgedeckt werden müssen“, meint Welter-Enderlin. Wenn jemand Fragen hat, sollen diese ihrer Meinung nach gestellt werden – aber vorsichtig. „Was erzählt wird, und was nicht, hängt von der Lage der  Erzählenden ab. Niemand in der Familie hat das Recht, etwas erzählt zu bekommen. Sachtes Nachfragen kann helfen, aber keiner hat das Recht, alles zu wissen“, sagt Welter-Enderlin. Sie weist auch darauf hin, dass es ja außerdem nicht nur eine, sondern mehrere Familiengeschichten gibt. Und bei der  Suche nach der Wahrheit kommt es eben immer auch darauf an, wer bestimmte Vorfälle erzählt. Und wer welchen Punkt aus welchen Gründen am liebsten für immer totschweigen würde.

 

"Das ist schon sooo lange her..."

Familiengeheimnisse sind in der Regel hinter einer Mauer aus Schweigen verborgen. Ersten Nachforschungen wird oft mit gespieltem Unwissen („Ich weiß nicht, wovon du sprichst. Da ist nichts.“) ein Riegel vorgeschoben. Häufig machen sich die Hüter des Geheimnisses auch den Zeitfaktor zunutze. Vor allem die Großelterngeneration pariert unangenehme Fragen dann gerne auch einmal mit Sätzen wie: „Ach, das ist schon soooo lange her, da kann ich mich nicht mehr erinnern.“ Tipp: Fragen Sie in solchen Fällen einfach andere Familienmitglieder oder auch entferntere Verwandte. Oft tun sich Menschen, die zwar Bescheid wissen, aber nicht direkt von den tabuisierten Geschehnissen betroffen sind beziehungsweise waren, auch leichter, darüber zu  sprechen. Wie weit Sie dabei gehen wollen, müssen Sie selbst entscheiden. Es lohnt sich aber, mit dem Fragen anzufangen. In vielen Fällen wirken  nämlich schon die ersten Schritte befreiend. Wer zu lange wartet, nimmt außerdem das Risiko in Kauf, dass die Verwandten ein Geheimnis „mit ins Grab“ nehmen.

„Wenn es immer heißt: ‚Darüber wird bei uns nicht geredet‘, erzeugt das bei Kindern Unsicherheiten und Angst. Ich selbst habe sogar den Bruch mit meiner Mutter in Kauf genommen, um die Geheimnisse in unserer Familie zu lüften.“ Nicole Riess, Psychologin und Autorin

„Was erzählt wird, und was nicht, hängt immer von der Lage der Erzählenden ab. Sachtes Nachfragen kann helfen, aber niemand hat das Recht, alles zu wissen – auch innerhalb einer Familie nicht.“ Rosmarie Welter-Enderlin, Familienberaterin und Lehrbeauftragte an der Universität Zürich

 

Welche Wahrheit ist die Ihre?

• Jeder Mensch hat etwas zu verbergen, das er nicht einmal seiner Familie verraten möchte. Ich finde das nicht schlimm. Eine Prise Mysterium kann
sogar die Würze im Familienleben sein. Kleine Geheimnisse gehören meiner Meinung nach einfach dazu – auch innerhalb der Familie.
• Absolute Ehrlichkeit ist für mich das Allerwichtigste. Und dieser Anspruch hat natürlich innerhalb der Familie ganz besonders Gültigkeit. Egal, ob es
um große Geheimnisse, oder um Kleinigkeiten geht: Die eigene Familie darf man nicht belügen. Und verschweigen ist auch eine Art der Lüge.

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