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Die Geheimnisse der Großeltern

Man muss beobachten was früher war, um zu wissen, was kommen wird – heißt es in einer chinesischen Weisheit. Viele Geheimnisse, Eigenschaften, Überzeugungen und traumatische Erfahrungen werden von einer Generation an die andere weitergegeben. Wir müssen uns daher für unsere Großeltern interessieren. Eine solche Erforschung der Vergangenheit ist heute wichtiger denn je.

Wir müssen gerade in unserer orientierungslosen Zeit den Blick weit zurück wenden, um unsere Entwicklung zu begreifen. Nun lassen sich die Lebensdaten der Generationen noch relativ unkompliziert erfassen. Die Geburts-, Heirats- und Sterbedaten sind in den Standesämtern spätestens seit 1876 registriert. In den Kirchenbüchern beginnen die Eintragungen oft schon zwischen 1600 und 1700. Doch richtig spannend wird es erst, wenn wir mit den Großeltern selbst reden. Dann müssen wir lernen tausend Fragen zu stellen und wir müssen viel Geduld und Einfühlungsvermögen aufbringen, weil die meisten Großeltern zunächst wenig erzählen. Besser gesagt: Sie reden viel und schweigen zugleich.

Sie schweigen über den Krieg, die Flucht, über traumatische Ereignisse. Viel mussten sie verdrängen, meist war es für sie mehr ein Überleben und nicht eine Gestaltung des Lebens. Doch ihre Ängste und Enttäuschungen haben immer zu seelischen Beeinträchtigungen geführt, die noch heute spürbar sind. Wenn wir dies wissen, ahnen wir die Geheimnisse, die es in allen Familien gibt. Sie verstecken sich wie in einem alten Kellergewölbe, das man zugemauert hat. Nur noch der alte Gärtner hat eine Ahnung, ansonsten kennt niemand mehr den alten Fluchtstollen im Schloss. Ähnlich ist es mit den Geheimnissen der Großeltern. Man leugnet, dass sich ihr Onkel umgebracht hat, dass eine Tante in die Psychiatrie kam, dass ein Bruder in Untersuchungshaft saß und die Großmutter einen Selbstmordversuch unternahm. Solche Ereignisse werden allerdings nicht nur geleugnet, sondern das Leben wird geschönt und retuschiert. Denn normalerweise hat niemand in der Familie ein Interesse daran, solche Familiengeheimnisse zu lüften.

Familiengeheimnisse

Meist führen heftige Schamgefühle dazu, dass wir Lebensereignisse verdrängen, dass wir wichtige Teile des Lebens ausblenden und verleugnen – weil sie mit jenem Wunschbild nicht in Einklang zu bringen sind, das wir von uns haben. Das trifft auch auf psychische Krankheiten zu, auf heimliche Affären, auf die Tatsache, dass ein Familienmitglied auf die schiefe Bahn kam, Konkurs machte, im Leben gescheitert ist. Dies alles wird zu Familiengeheimnissen, die man nicht finden darf. Doch der Preis für solche Verdrängungen ist hoch. Sie führen dazu, dass sich neurotische Muster ständig wiederholen. Die früheren Ereignisse sind ja nicht wirklich weg, nur begraben. Wie Gespenster führen sie ein Eigenleben. Es ist dann gleichsam so, als hätte man den Schlüssel zu dem Geheimkeller in den Brunnen geworfen. Der Zugang zu diesem Keller ist uns dadurch nicht mehr möglich. Aber in diesem Keller rumort es, ständig entstehen giftige Gase. Wir sitzen gleichsam auf einem Pulverfass, wenn wir die Vergangenheit nicht kennen und verlieren den Zugang zu unseren inneren Kräften. Deshalb führen verdrängte Geheimnisse der Großeltern nie dazu, dass wirklich Ruhe einkehrt. Agatha Christie lässt einmal Miss Marple sagen: „Geheimnisse sind wie Ackerwinden, deren Wurzeln tief ins Erdreich hinabreichen.“ Solche Geheimnisse stiften Unruhe, es entwickelt sich zum Monster, weil wir das Schwierige, Problematische und Verrückte in den Keller gesperrt haben, wo wir uns nicht darum kümmern.

Der unbeliebte Großvater

Dies zeigt eindrücklich folgendes Beispiel: Ein Ingenieur ist am Arbeitsplatz immer sehr durchsetzungsfähig, aber in seiner Ehe hat sich völlig zurückgezogen. Er leidet offenbar unter einer massiven Affektproblematik. Er regt sich auf, kann aber nicht bewirken, dass seine Wünsche wirklich in die Tat umgesetzt werden. Vielmehr träumt er gelegentlich davon, dass seine Frau sterben würde. Und er bekommt dann solche Angst, dass es ein Unglück geben könne, dass er sich völlig angepasst verhält. Als dieser Ingenieur über seine Großeltern forscht, stellt er fest, dass der Großvater ein rücksichtsloser Despot gewesen sein soll. Und dies sei mit zunehmendem Alter schlimmer geworden. Immer häufiger hätte er seine Frau und Dorfbewohner bedroht. Und schließlich habe man ihn völlig betrunken vor der Scheune liegend im Winter gefunden. Keiner habe ihn rein getragen. Alle wussten, dass er sterben würde, wenn man ihn liegen lässt. Alle waren erleichtert und litten doch unter Schuldgefühlen und es entstand ein Familientabu: Man darf sich nicht durchsetzen. Nachdem der Ingenieur dies Familiengeheimnis aufdeckt, fühlt er sich so, als sei ein Knoten bei ihm geplatzt. Er versteht die Entstehung dieser Affekt-Hemmung und begreift, dass man sich rechtzeitig durchsetzen muss, damit kein Drama passiert.

Noch schwieriger ist es natürlich, das Familiengeheimnis zu enträtseln, wenn es eine selbstgestrickte Familienlegende gibt. Anstelle der wirklichen Geschehnisse erfindet man einen Familienroman und spinnt sich zusammen, wie es hätte sein sollen. Der Stolz diktiert hier das Geschehen, er führt die Feder und man erzählt sich schließlich eine Geschichte, die man selbst glaubt. Solche Verbesserungen der Familiengeschichte gibt es häufig. Da werden Geburts- und Heiratsdaten korrigiert, denn in einem Dorf schickt es nicht, dass man vor der Heirat schwanger ist. Deshalb werden Berufe aufgewertet, aus einem einfachen Briefträger wird ein Beamter, aus einem Verkäufer ein Geschäftsführer, man verbessert und übertreibt, damit die eigene Geschichte dem Stolz der Familie entspricht. Das Umschreiben der Familiengeschichte wird immer von Stolz diktiert. Und dieser Stolz zeigt sich am deutlichsten in den Werten der Großeltern. In jeder Familie ist man davon überzeugt, dass man auf ganz bestimmte Werte achten sollte. Für die einen ist Tüchtigkeit wichtig, für andere eine anständige Lebensweise und für manche auch ein gewisser Reichtum. In jeder Familie gibt es ein – meist ungeschriebenes – Buch, in dem alle wichtigen Familienwerte vermerkt sind. In ihnen ist die Essenz der Großeltern-Erfahrungen enthalten. Häufig sind sie auch deshalb so wuchtig, weil sie nicht nur eine Orientierung vorgeben, sondern auch sehr klare Familienaufträge. Das Enkelkind soll dann all jene Ziele erreichen, die den Großeltern versagt blieben. Solche Familienaufträge gibt es in fast jeder Familie. Wie ein Staffelstab werden sie von einer Generation an die andere weitergegeben. Und diese Familienaufträge müssen wir erkennen, um uns von der Wucht dieser Aufträge zu befreien.

Der Familienschatz

Es ist befreiend, wenn wir unsere Großelterngeschichte erforschen, die Familiengeheimnisse erkennen und die Familienaufträge hinterfragen. Allerdings ist dies nicht unproblematisch. Häufig wird man in der Familie zum Ruhestörer und man verliert auch seine innere Ruhe, wenn wir zu kritisch die Vergangenheit betrachten. Wir erkennen ja besonders intensiv das Problematische der Großeltern, auch wenn wir uns bei ihnen sehr wohlgefühlt haben. Insofern ist es wichtig, dass wir uns bewusst sind, wie viel wir den Großeltern verdanken. Wenn sie Ängste bewältigten und trotz aller Schwierigkeiten neue Lebensprojekte begannen, profitieren wir von ihrem Lebensmut. Er ist ein wichtiger Teil jenes Familienschatzes, der wichtiger ist als jede materielle Erbschaft und immer an die nächste Generation weitergegeben wird. Dazu gehört, dass die Großeltern Vorbilder sein können, oft über Lebensweisheit verfügen, häufig gute Lehrer sind. Wenn wir dies würdigen, haben wir auch die richtige Einstellung, um unsere Erlebnisse mit den Großeltern noch einmal sinnlich zu erspüren. Wir müssen uns sinnlich daran erinnern, warum wir uns bei den Großeltern meist so wohlgefühlt haben. Fast alle Familienbotschaften werden sprachlos über sinnliche Erlebnisse weitergegeben. Man sitzt mit der Großmutter in der Küche und schleckt die Kuchenform aus, man hilft dem Großvater im Garten und er erklärt, wie man Bäume beschneidet. Und in dieser ruhigen, oft phantasiebetonten Welt der Großeltern geht es uns gut und wir übernehmen atmosphärisch die Familiennormen und Familienüberzeugungen. Um dies zu begreifen, müssen wir das Leben der Großeltern verstehen und dorthin reisen, wo sie aufgewachsen sind. Wir müssen verstehen, wie sie gelebt haben, vor welchen Herausforderungen sie standen. Denn unsere seelische Stabilität ergibt vor allem daraus, dass wir im Kontakt zu unseren Großeltern sind. Dann haben wir unsere Wurzeln gefunden. Deshalb meinte schon Kästner, wir müssten uns an unsere Vorfahren erinnern, denn ohne sie „…wäre man im Ozean der Zeit, wie ein Schiffbrüchiger auf einer winzigen und unbewohnten Insel, ganz allein. Mutterseelenallein. Großmutterseelenallein. Urgroßmutterseelenallein.“ Buchtipp: Das Geheimnis der Großeltern von Dr. Wolfgang Krüger

Foto: Fotolia


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