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Rückenschmerzen

Reine Nervensache

Vermutlich sind niemandem Floskeln wie „Du gehst mir auf die Nerven“ oder „So etwas raubt mir den letzten Nerv“ unbekannt. Wir alle wissen, was es damit auf sich hat, wirklich fassen lassen sich die erwähnten „Nerven“ allerdings nicht. Anders verhält es sich mit jenen, die sich innerhalb des menschlichen Körpers befinden, sozusagen greifbar sind und von denen wir eine ganze Menge unser eigen nennen dürfen. Sind diese von Problemen betroffen, leiden Menschen unter unerträglichen Schmerzen, die ihnen in vielen Fällen nur chirurgisch genommen werden können.

Das menschliche Nervensystem
Mediziner unterscheiden zwischen dem peripheren Nervensystem, also jenem, das außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks liegt, und dem Zentralnervenssystem, zu dem sämtliche Hirn- und Rückenmarknerven zählen. Streng genommen ist die Bezeichnung „Nerven“ nicht ganz richtig, da es sich um eine einzige Zelle handelt, die wiederum aus parallel laufenden Nervenfasern bzw. Nervenfaserbündeln besteht, welche von Nervenhüllgewebe umgeben sind. In die einzelnen Gliedmaßen verlaufen Nervenäste, der zum peripheren Nervenssystem gehörende Nerv kann als Ausstülpung des Rückenmarks, die in die Peripherie hineingeht, verstanden werden. Vorstellen kann man sich das wie eine Schnur, die durch den Körper verläuft, wo sie in „verästelter Form“ in jeden Zeh und jeden Finger hineinreicht. Nerven sind Erregungsleiter: die Erregungen, die zum Zentralnervensystem hingeleitet werden, heißen Afferenzen, jene vom Zentralnervensystem in die Peripherie Efferenzen.

Eingeklemmte Nerven
Da es sich bei einem Nerv um eine außerordentlich empfindliche Struktur handelt, ist er relativ schnell „beleidigt“ – durch dauerhaftes Aufstützen der Hand oder des Ellenbogens kann es beispielsweise zu Gefühlsstörungen aufgrund mangelhafter Durchblutung kommen. „Auch Berührung oder Anstoßen können ihn reizen.“, erklärt Dr. Veith Moser, Facharzt für Handchirurgie sowie Facharzt für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie in Wien. Der Experte wird sowohl im Lorenz Böhler Unfallkrankenhaus als auch in seiner Privatordination mit unterschiedlichsten Erkrankungen des peripheren Nervensystems konfrontiert. „Ganz klassisch ist das Tarsaltunnelsyndrom, das den Fuß betrifft und als Pendant zum Karpaltunnelsyndrom an der Hand gilt. Hierbei wird jener Nerv namens Nervus tibialis, der unterhalb des Innenknöchels verläuft und sich mit der Schlagader sowie einigen Sehnen einen Kanal teilt, der auf der einen Seite von einem Knochen und auf der anderen von einem bandartigen Dach begrenzt ist, eingeengt. Das führt zu brennenden Schmerzen, die unzähligen Nadelstichen in die Fußsohle gleichkommen, zu Empfindungsstörungen in den Zehen oder Taubheit.“ Beheben lasse sich das Syndrom nur durch einen chirurgischen Eingriff. Menschen, die von einem eingeklemmten Nerv in Hand oder Fuß betroffen seien, hätten ständig das Bedürfnis, die versehrte Extremität auszuschütteln, könnten nachts kaum schlafen und litten meist unter starken Schmerzen sowie Kraftverlust, so Dr. Moser. „Die Ursachen sind vielfältig – von Sehnenscheidenentzündung, durch die die Sehnenscheide verdickt ist, was dem Nerv Platz nimmt, bis hin zu systemischen Erkrankungen wie z.B. Diabetes oder einer Entzündung des Nervs, durch die der Durchmesser desselben sowie der Durchmesser des Kanals in ein Missverhältnis geraten. Auch ein Bluterguss nach einer klassischen Verstauchung oder einem Bänderriss, der innerlich nach dem Abklingen als Narbe verbleibt, kann zu einer Nerveneinengung führen.“ Der Nerv könne nicht mehr ungehindert gleiten, weshalb sein „Bett“ wieder hergestellt werden müsse.

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Unterbrochene Nerven
Wer aufgrund eines Unfalls, einer Erkrankung oder Ähnlichem mit einem Extremitätenverlust bzw. einer schweren Verletzung fertig werden muss, hat häufig mit starken körperlichen Schmerzen zu kämpfen. Verantwortlich sind meist verschiedene Schmerzformen. „Nerven, die irgendwo abgeschnitten werden, bilden ein Neurom (gutartige Knotenbildung, Anmerkung), was selbst für ganz winzige Nerven im Extremitätenbereich gilt, beispielsweise nach einem Unfall. Beim Neuromschmerz handelt es sich um ein neurophysiologisches Phänomen am Endnerv. Dieser endet in einer Narbe, wo er z.B. durch Beklopfen einen fürchterlichen Schmerz beim Patienten auslöst, der dann natürlich auch in das verloren gegangene Areal projiziert wird. Eine weitere Schmerzform, der Phantomschmerz, hat mit dem Neuromschmerz grundsätzlich nichts zu tun. Hierbei handelt es sich um eine Form des Schmerzes, die zum Beispiel nach einem Armverlust auftritt. Jene Hirnaktivität, die der verlorenen Extremität zugewandt war, wird plötzlich arbeitslos. Wenn man so will, ist das, was das Hirn „dazu spinnt“, der typische Phantomschmerz. Diese freigewordene Aktivität führt bei manchen Patienten zu sehr starken Phantomschmerzen und bei anderen zu eher weniger schmerzenden Phantomempfindungen.“, erläutert Prof. Dr. Oskar C. Aszmann, Facharzt für Plastische Chirurgie an der Universitätsklinik für Chirurgie, klinische Abteilung für Plastische und Rekonstruktive Chirurgie an der Medizinischen Universität in Wien und Leiter des CD-Labors für Wiederherstellung von Extremitätenfunktionen. Dr. Veith Moser erklärt: „Beim Phantomschmerz hilft meist eine Nervenverlagerung, konventionelle Schmerzmittel nützen in der Regel nichts. Oft ist nur ein kleiner Nervenast betroffen, der dieses Problem verursacht, z.B. ein Hautnervenast.“ Rückkürzung und Verlagerung des Nervs zur Schmerzausschaltung oder -reduktion helfen allerdings nicht jedem Patienten. Jene, die eine bionische Prothese (gedankengesteuerte Prothese; Informationen, die das Gehirn an die verbliebenen Nerven sendet, werden auf die Prothese übertragen) tragen, können nicht immer nur mit Hilfe der chirurgischen Neuromentfernung Erleichterung erfahren, sondern benötigen eine spezielle Behandlung: „Durch das TMR-Konzept (Targeted Muscle Reinnervation = selektiver Nerventransfer oder auch Nervenumlenkung) habe ich die Möglichkeit, den Patienten sowohl vom Neuromschmerz zu befreien als auch die Oberfläche für das Steuerungspotenzial seiner Prothese zu vergrößern. Ich entferne nicht nur das Neurom, sondern ermögliche ihm eine Reafferenzierung (Afferenz = die Gesamtheit aller Nervenfasern, die von der Peripherie zum Zentralnervensystem laufen), wodurch ich natürlich auch ein zusätzliches Signal in der Prothesensteuerung gewinne.“

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Nervenverletzungen und ihre Folgen
Ob durch Quetschung, wie beim Double Crush-Syndrom, wo zwei Kompressionsstellen im Nervenverlauf für Irritationen sorgen, Unterbrechung des Nervs durch eine Narbe oder Einengung – die Unerträglichkeit ist eine Begleiterscheinung, die all diesen Problemen gemeinsam ist. Ein Erwachsener, dessen Nerv aufgrund einer Verletzung genäht werden musste, erlangt in der Regel die volle Funktion seiner Hand oder seines Fußes nicht zurück. „Anders verhält es sich bei Kindern.“, erläutert Dr. Veith Moser. „Die Plastizität im Hirn eines Kindes ist viel größer als jene beim Erwachsenen. Näht man bei einem Fünfjährigen den Nerv wieder zusammen, wird er als Erwachsener kaum Defizite haben, weil das Gehirn fast alles ausgleicht. Im Kindes- und Jugendalter lassen sich sehr gute Regenerationsergebnisse erzielen, mit fortschreitendem Alter werden diese allerdings zunehmend schlechter, denn nicht alle Nervenfasern wachsen in die richtigen Endigungen hinein, was Auswirkungen auf die Funktion der betroffenen Körperregion hat. Manchmal wächst eine sensible Nervenfaser in eine motorische, eine Temperaturfaser in eine Vibrationsfaser etc.“ Dieses entstandene Defizit führe zu einem Kraftverlust.
Das komplexe Thema Nerven beschäftigt Experten weltweit. In den USA gehört Dr. Lee Dellon, der die Institute für periphere Nervenchirurgie in Baltimore und Las Vegas betreibt und gemeinsam mit Susan E. Mackinnon, die in St. Louis als Plastische und Rekonstruktive Chirurgin tätig ist, 1988 das Buch „Surgery for the Peripheral Nerve“ verfasst hat, zu den fähigsten Experten auf diesem Gebiet. Hierzulande ist es Prof. Dr. Hanno Millesi, der mit der Etablierung der Nerventransplantation vor allem in den 70er und 80er Jahren Meilensteine in der peripheren Nervenchirurgie gesetzt hat.
Wer unter Nervenschmerzen oder eingeklemmten Nerven leidet, ist bei Fachärzten für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie bestens aufgehoben…