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Dem einen schmeckt's den anderen reckt's

Die Sonja ist ganz eine saure. Zumindest sagen das ihre Eltern und Verwandten. Das eineinhalbjährige Mädchen isst nämlich am liebsten Essiggurken, Oliven, grüne Äpfel und würzigen Bergkäse, der sogar so manchem Erwachsenen zu herb ist. Aber auch wenn Gemüse am Speiseplan steht, verputzt Sonja verlässlich ihre Portion. Ihr Bruder Thomas, vier Jahre, hat ganz andere kulinarische Vorlieben – und Abneigungen. Er würde sich am liebsten nur von Weißbrot, Schinken und Teigwaren ernähren. Für Obst oder Gemüse hat er kaum etwas übrig – und lässt umso mehr über, wenn Mama Broccoli, Spinat & Co serviert. Die Eltern von Sonja und Thomas wundern sich immer wieder über die verschiedenen Geschmäcker ihres Nachwuchses. So wie ihnen, geht es vielen Mamis und Papis. Sie fragen sich: Warum schmeckt unseren Kindern eigentlich, was ihnen schmeckt?

Die angeborene Vorliebe für Süßes, Fettes und Salziges

Die Ausprägung geschmacklicher Vorlieben unterliegt vielfältigen Einflüssen. Neuere Forschungen analysieren auch,ob die genetische Veranlagung Einfluss
darauf hat, welche Gerichte den Rang einer Lieblingsspeise erlangen, und warum die gleichen Speisen von anderen eher als „grauslich“ empfunden werden. Gesichert sind kulturelle, lokale und religiöse Einflüsse auf das individuelle Geschmacksempfinden. Die Forschung stimmt aber auch überein, dass Vorlieben für Süßes, Salziges und Fettes angeboren sind – genauso wie die instinktive Ablehnung von Bitterem und Saurem. „Der Mensch ist darauf programmiert, möglichst viel Energie und Nährstoffe aufzunehmen, um zu überleben,“ erklärt Univ.-Prof. Dr. Ibrahim Elmadfa, Vorstand des Instituts für Ernährungswissenschaften der Universität Wien. „Damit lässt sich auch die angeborene Abneigung vieler Menschen gegen Saures und Bitteres erklären: Davon isst man nämlich instinktiv weniger – und nimmt dementsprechend weniger Energie auf.“ Möglich ist auch, dass unsere Vorfahren im Lauf der Jahrtausende gelernt haben, einen Bogen um Bitteres zu machen, da viele giftige Pflanzen eher bitter schmecken, während Süßes in der Natur tendenziell
eher reich an Vitaminen und Nährstoffen ist. Wie kann es aber sein, dass die kleine Sonja trotz alldem Essiggurken, Oliven und Co so gerne mag?

Was das Baby nicht kennen lernt, isst es auch später nicht gerne

„Wir essen nicht das, was wir mögen, sondern wir mögen, was wir häufig essen,“ erklärt Hanni Rützler, Ernährungswissenschafterin, Ernährungspsychologin und Autorin. „Die Essens- Vorlieben werden vor allem erlernt. Das, was häufig gegessen wird, wird meistens irgendwann auch gerne gegessen.“ Dementsprechend sollte man auch verschiedene Gemüsesorten, die beim ersten Mal Kosten von den kleinen Feinspitzen mit absoluter Vehemenz abgelehnt werden, ruhig noch einmal auf den Speiseplan setzen. Zum einen kann es nämlich sein, dass die Zubereitungsart für das „Nein, das ess ich nicht!“ des Kindes gesorgt hat. Vielleicht war das Gemüse zu hart, vielleicht war es zu sehr weich gekocht, vielleicht hat eines der enthaltenen Gewürze dem Kind nicht geschmeckt – „ausprobieren statt resignieren“ sollte hier die Devise des Familienkochs lauten. Außerdem ist das erste Mal kosten immer auch ein Kennenlernen des jeweiligen Gerichts – und Liebe auf den ersten Blick bzw. Biss gibt es auch beim Essen eher selten: Studien zeigen, dass Kinder einen Geschmack oft 10 bis 15 Mal ausprobieren, ehe sie entscheiden, ob sie ihn mögen oder nicht!

Liebe geht durch die Nabelschnur

Die ersten Kontakte mit Geschmäckern und Aromen macht der Mensch übrigens bereits im Mutterleib. Das ungeborene Kind lernt Geschmacksstoffe und Aromen, die von der Schwangeren über die Nahrung aufgenommen werden, nämlich über das Fruchtwasser kennen – und gewöhnt sich dabei an Speisen, die die werdende Mami häufig isst. So zeigt etwa eine Studie: Trinkt die Schwangere viel Karottensaft, isst ihr Kind als Baby mit hoher Wahrscheinlichkeit gerne Karottenbrei. Ähnlich wird der Geschmack eines Menschen auch durch die Ernährung seiner Mutter während der Stillzeit geprägt. Und wenn es von Anfang an „Flascherlnahrung“ statt Mamas Busen gibt, hat das auch langfristige Auswirkungen auf die späteren Essens- Vorlieben und Abneigungen des Nachwuchses. Das zeigt auch eine Studie: „Kinder und Erwachsene, die als Säugling entweder gestillt oder mit der Flasche gefüttert worden waren, mussten zwei Tomatenketchup- Proben verkosten, von denen eine mit etwas Vanillin aromatisiert war,“ berichtet Prof. Dr.
Andreas Scharf, wissenschaftlicher Leiter am Institut für Sensorikforschung und Innovationsberatung in Rosdorf. „Die Probanden, die als Säugling mit der Flasche gefüttert worden waren, bewerteten die mit Vanillin versetzte Probe signifikant besser als die gestillten Probanden.“ Diese Präferenz lasse sich dadurch erklären, dass die gängige Flaschennahrung für Säuglinge Vanillin enthält.

„Nicht um viel Geld würde ich Leber essen.“

Franz, 32, kann keine Äpfel essen. „Ich hab’ es immer wieder probiert, aber jedes Mal reckt es mich,“ erzählt der Handelsangestellte. Seine Kollegin Petra, 44, bekommt das Grausen, wenn sie an Tomaten denkt. „Sogar eine Pizza ess’ ich ohne Paradeiser.“ Und Klaus, 33, würde „nie im Leben Leber essen.“ Derartige kulinarische Aversionen können in frühester Kindheit von Familienmitgliedern aufgeschnappt und übernommen werden. Ein anderer Aspekt ist die „aversive Konditionierung“: So kann zum Beispiel der Verzehr eines Apfels unmittelbar vor dem Beginn einer schweren Bauchgrippe inklusive tagelangem Erbrechen für einen lebenslangen Apfel-Boykott im Geschmackssinn des Betroffenen sorgen – auch wenn der weiß, dass der Apfel eigentlich nichts dafür kann. Aber auch elterlicher Zwang kann bleibende Aversionen auslösen. So kann sich Klaus noch gut daran erinnern, dass er als kleines Kind einmal vom Mittagstisch geflüchtet ist und sich unter dem Bett versteckt hat. Es gab damals übrigens gebackene Leber. Und Klaus’ Mutter zeigte sich unnachgiebig: Sie holte ihren Sohn zurück an den Tisch und zwang ihn, die Leber aufzuessen. Zwang ist beim Essen generell eher kontraproduktiv – Zwang hat nämlich immer mit Machtkämpfen zu tun. Und wenn bei Tisch einmal Machtkämpfe stattfinden, bleibt für den Genuss kein Platz mehr.


Warum alle Kinder Schokolade lieben

Die Vorliebe für Süßes ist angeboren und geht auf den Instinkt zurück, den Körper mit möglichst viel Energie zu versorgen. Deshalb fällt es den meisten Menschen auch kaum schwer, nach einem üppigen Mahl noch einen Kuchen als Nachspeise zu verzehren. Die besonders große Beliebtheit der Schokolade wird aber damit begründet, dass der Körper auch verschiedene Nährstoffe aufnimmt, wenn er der „zartesten Versuchung“ nachgibt. Schokolade ist ein guter Eisen- und Magnesiumlieferant, fast alle Sorten enthalten neben Zucker auch Kalium, Eiweiß und verschiedene Mineralstoffe. Und weil Schokolade den Serotonin- und Endorphinspiegel (Endorphine sind körpereigene Opiate) im Gehirn ansteigen lässt, fühlt man sich nach einem Stück Schokolade meist auch bedeutend besser, manchmal sogar glücklicher. Nicht zu unterschätzen ist auch die angenehme Konsistenz: Schokolade ist weich und zergeht auf der Zunge – wenn sie im Mund zerbröckeln würde wie zähes Trockenbrot, wäre ihre Beliebtheit bei kleinen und großen Schleckermäulern möglicherweise weniger groß.

Schmatz! Leckere Facts:

Vorlieben für Süßes, Salziges und Fettes sind angeboren – genauso wie die instinktive Ablehnung von Bitterem und Saurem.
• Studien zeigen, dass Kinder einen Geschmack oft 10 bis 15 Mal ausprobieren, ehe sie entscheiden, ob sie ihn mögen oder nicht.
• Die Ernährung der Mutter während Schwangerschaft und Stillzeit kann die kulinarischen Vorlieben des Nachwuchses ebenfalls prägen. Das Baby lernt Aromen und Geschmacksstoffe durch das Fruchtwasser bzw. die Muttermilch kennen, und gewöhnt sich daran.
• Auch kulturelle, lokale und religiöse Gegebenheiten haben wesentlichen Einfluss auf das individuelle Geschmacksempfinden.
• Wird etwas oft gegessen, gewöhnt man sich an diese Speise und isst sie daher auch gerne.
• Vorbildwirkung spielt eine große Rolle, wobei Kinder auch Speisen ablehnen können, die Eltern oder ältere Geschwister gerne essen. Essen kann nämlich auch der Abgrenzung dienen.
• Abneigungen gegen einzelne Speisen und Ess-„Marotten“ werden von Kindern eher übernommen, als eine positive Einstellung zu einzelnen Gerichten.
• Wenn Sie Ihrem Kind Obst und Gemüse schmackhaft machen wollen, ziehen Gesundheitsargumente meistens nicht, weil Gesundheit für die meisten Kinder einfach selbstverständlich ist. Sie sollten lieber versuchen, eine Gemüsesorte in verschiedenen Variationen und Zubereitungsarten zu servieren.

 

„Die Nahrungsaufnahme einer Schwangeren hat Einfluss auf die späteren geschmacklichen Vorlieben des Kindes. Noch wichtiger aber ist die angeborene
Präferenz für Süßes, Salziges und Fettes. Der Mensch versucht nämlich instinktiv, möglichst viel Energie aufzunehmen. Und von Bitterem und Saurem isst man weniger, und nimmt entsprechend weniger Energie auf. Spätere Vorlieben für Saures sind erworben oder anerzogen.“ Univ.-Prof. Dr. Ibrahim Elmadfa, Vorstand des Instituts für Ernährungswissenschaften, Universität Wien

„Die aversive Konditionierung führt dazu, dass bestimmte Nahrungs- und Genussmittel für lange Zeit gemieden werden, wenn sie subjektiv in einen Zusammenhang mit Unwohlsein oder Krankheit gebracht werden. So lehnen manche Kinder bestimmte Speisen, die sie unmittelbar vor einer Infektion verzehrt hatten, auch viele Jahre danach ab, obwohl sie wissen, dass diese Speisen die Erkrankung nicht verursacht haben konnten.“ Prof. Dr. Andreas Scharf, wissenschaftlicher Leiter am Institut für Sensorikforschung und Innovationsberatung

Wir essen nicht das, was wir mögen, sondern wir mögen das, was wir oft essen. Es ist also wichtig, gesunder Ernährung im Alltag einen Platz einzuräumen. Dabei sollte man aber nicht den Fehler machen, Kinder mit Süßigkeiten zu belohnen, wenn sie ihr Gemüse gegessen haben. Dabei lernen die Kinder nämlich: Wenn ich später frei entscheiden kann, lasse ich das Gemüse weg, und esse gleich die Süßigkeiten.“ Mag. Hanni Rützler,  Ernährungswissenschafterin, Ernährungspsychologin und Autorin

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