Mutter Baby

Babys sehen mehr, als wir glauben

Dr. Michael Kavšek untersucht an der Universität Bonn die optischen Wahrnehmungsfähigkeiten von Säuglingen – und beweist, dass sie viel mehr können, als generell angenommen wird.

BabyExpress: Sie untersuchen die optischen Wahrnehmungsfähigkeiten von Säuglingen. Wie können Sie wissen, was ein Säugling sieht?
Dr. Michael Kavšek: Wir haben in den letzten Monaten beispielsweise die Methode des präferenziellen Greifens verwendet. Diese Methode basiert auf folgender Tatsache: Wenn man Säuglingen 2 Gegenstände hinhält,  fangen sie mit etwa 4 Monaten an, nach dem Gegenstand zu greifen, der ihnen näher erscheint. Was wir machen: Wir erzeugen ein Bild mit vorgetäuschten Tiefenhinweisen: Wir haben ein Hintergrund, der aussieht, als würde er sich in die Tiefe erstrecken, und bringen darauf 2 Objekte an. In Wirklichkeit ist der Hintergrund ganz gerade, und die Objekte sind gleich weit weg von den Säuglingen. Was wir hier beobachten können ist, dass Säuglinge schon mit 5 Monaten nach dem vermeintlich näheren Gegenstand greifen. Das beweist, dass die Tiefenwahrnehmung bereits funktioniert.

Gerüchte über die Wahrnehmungsfähigkeiten von Säuglingen gibt es viele: Babys sehen alles schwarz-weiß, Babys sehen nur 2-dimensional, Babys sehen alles auf den Kopf gestellt... Was ist dran an diesen Gerüchten?
Früher dachte man auch, dass Neugeborene taub sind, oder dass sie schmerzunempfindlich sind. Das ist natürlich Unsinn, und genauso veraltet sind auch die Gerüchte, dass Babys alles auf den Kopf gestellt sehen, oder nur schwarz-weiß. Das sind alte Vorurteile, die sich relativ lange gehalten haben. Vor einigen Jahren hat mich sogar ein Kinderarzt gefragt, ob es wirklich stimmt, dass Babys Farbe sehen können. Natürlich können Neugeborene Farben unterscheiden, und sie sehen auch nicht alles auf den Kopf gestellt. Es ist ja eine ganz interessante Vorstellung, dass Menschen wie Fernsehapparate funktionieren – beim Fernsehen war ja am Anfang auch alles nur schwarz-weiß. Der Mechanismus des Auges funktioniert von Geburt an – nur nicht so ausgeprägt wie bei Erwachsenen. Säuglinge können Farben wie rot und grün unterschieden – das Farbsehen funktioniert ja sogar schon im Bauch.

Was sehen Säuglinge wirklich?
Generell ist es so, dass die Sehschärfe von Säuglingen ziemlich schlecht ist. Man kann sich die Wahrnehmung eines Säuglings bunt, aber verschwommen vorstellen. Säuglinge können im Bereich von 20 cm aber relativ gut sehen, allerdings ist ihre Sehschärfe ziemlich eingeschränkt. Sie sehen also unscharf, aber nicht so unscharf, dass sie ihre Eltern nicht erkennen würden. Auf jeden Fall zeigen unsere Untersuchungen, dass Säuglinge mehr sehen, als die meisten Erwachsenen denken. Säuglinge können einfach schon viel – das betrifft nicht nur optische Aufgaben, sondern auch bestimmte Gedächtnisleistungen.

Ab wann erkennen Säuglinge ihre Eltern?
Schon nach wenigen Stunden. Das geht relativ flott. Da sie das Gesicht der Mutter ja in der Regel ziemlich oft sehen, kann auch die zur Erkennung notwendige Gedächtnisleitung schon nach wenigen Stunden oder wenigen Tagen erbracht werden. Die Sehschärfe allerdings ist relativ schlecht, und es dauert circa bis zur Mitte des ersten Lebensjahres, bis sie sich soweit entwickelt hat, dass sie der Sehschärfe von Erwachsenen entspricht.

Sie widmen sich vor allem der Erforschung der Tiefenwahrnehmung von Säuglingen. Was sind Ihre Erkenntnisse?
Die Tiefenwahrnehmung setzt sich ja aus verschiedenen Leistungen zusammen. Wir nehmen Tiefe zum Beispiel mit Hilfe von Bewegungen wahr. Objekte im Vordergrund bewegen sich für das Auge ja mit einer anderen Geschwindigkeit, als dasselbe Objekt weiter weg. Diese Tiefenwahrnehmung über die Bewegung funktioniert schon ab der Geburt. Wenn man einen Gegenstand schnell auf ein Neugeborenes zu bewegt, dann reagiert es mit einer Schrecksekunde, und dreht den Kopf weg. Das beweist, dass das Neugeborene weiß: Da kommt etwas auf mich zu. Tiefenwahrnehmung funktioniert aber auch dadurch, dass wir 2 Augen haben und stereoskopisch sehen – das können Babys erst nach ein paar Wochen. Das bildhafte Tiefensehen, also zum Beispiel das Tiefensehen auf Fotos oder in Räumen, wo sich überhaupt nichts bewegt, das funktioniert erst nach 5 Monaten. Wenn Sie einem 4 Monate alten Kind also ein Foto hinhalten, können Sie davon ausgehen, dass es das Foto nur zweidimensional wahrnimmt – und auch nicht erkennt, welche Personen oder Gegenstände auf dem Foto näher sind.

Eine Bekannte hat  mir unlängst erzählt, dass ihr 3-Monate alter Sohn sehr irritiert war, als sie zum ersten Mal eine Brille getragen hat. Woran liegt das?
Das hat damit zu tun, dass Neugeborene sehr schnell lernen, wie zum Beispiel die Mutter aussieht. Sie orientieren sich dabei an den Umrissen, zum Beispiel an den Umrissen des Kopfes, aber auch an inneren Merkmalen. Ein wichtiges Merkmal sind die Augen, und wenn die dann verändert sind, weil die Mutter eine Brille aufhat, dann ist das natürlich irritierend. Da war das Kind wahrscheinlich unsicher, wer denn die Person jetzt tatsächlich ist, oder es war überrascht, weil sich die Augen plötzlich verändert haben.

Babys im Alter von ca. 3 Monaten können stundenlang begeistert auf ein Bücherregal starren. Das liegt wohl an den vielen bunten Einbänden. Warum wirken diese so faszinierend auf Babys?
Weil viele Formen und viele Farben dabei sind. Alles, was Abwechslung bietet, ist für Babys unheimlich interessant. Deshalb sollte man für sein Baby unbedingt ein Mobile besorgen. Da kommt zu den Formen und Farben auch noch Bewegung dazu, man kann danach greifen – das ist ein tolles Spielzeug für Babys, und sie können sich stundenlang damit beschäftigen.

Was ist die Lieblingsfarbe der Babys - wie können Eltern die Umgebung für ihre Kleinen möglichst angenehm und interessant gestalten?
Eine Lieblingsfarbe für alle Babys gibt es nicht. Am Anfang funktioniert das Sehen von reinen Farben wie grün, rot oder gelb, am besten. Die meisten Eltern machen aber automatisch das Richtige, weil sie ja ziemlich schnell ein Kommunikationssystem mit ihren Babys entwickeln. Die Kleinen teilen mit, was ihnen gefällt, und wann ihnen etwas zuviel ist. Darauf sollten die Eltern hören. Was man machen sollte, ist bestimmte Spielsachen zu haben: Mobiles, bunte Sachen, die sich bewegen lassen, Bälle. Etwas später dann ganz einfache Bilderbücher. Nichts Kompliziertes, Bücher mit einfachen Formen und Farben sind optimal!


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