schreien

Jetzt platzt mir der Kragen

Silvia, 26, steht unter Druck. Spätestens um 12:30 muss das Mittagessen fertig sein. Schließlich ist ihr Sohn Samuel, 2 1⁄2, gewohnt, um diese Zeit zu essen. Es ist jetzt kurz vor 10, und Silvia muss schnell noch mit Samuel Einkaufen gehen, bevor sie zu kochen beginnen kann. Sie hat es eilig. Jede Minute ist kostbar. Nur: Samuel will nicht mitgehen. Silvia spürt, wie ihr Puls schneller schlägt. Sie fühlt die Wut in ihrem Inneren hochsteigen. „Keine Widerrede, du gehst mit,“ faucht sie. „Ich weiß, dass du schlecht geschlafen hast. Aber weil du schlecht geschlafen hast, habe ich auch kaum geschlafen.“ Silvia fühlt, dass sie gleich „explodieren“ könnte. Sie versucht, ruhig zu bleiben und streichelt den Kopf ihres Sohnes.

Bin ich eine schlechte Mutter?

Mit bemüht friedlicher Stimme erklärt Silvia Samuel, dass er nicht alleine zu Hause bleiben kann. Als sie ihm auch noch verspricht, im Anschluss an den Einkauf kurz auf den Spielplatz zu gehen, willigt Samuel ein, mitzukommen. Aber als ihm Silvia dann nach den Schuhen die Jacke anziehen will, windet er sich plötzlich in ihren Armen, weint und schreit: „Keine Jacke, keine Jacke!“ Da platzt Silvia der Kragen. „Draußen hat es Null Grad!“ brüllt sie ihren Sohn an, zwängt ihn grob in seine Jacke und schleppt ihn aus der Wohnung. Dann knallt sie laut die Türe zu. An der frischen Luft beruhigt sich Silvia schnell. Und bekommt prompt ein schlechtes Gewissen. Sie entschuldigt sich bei ihrem Sohn, und fragt sich: Wie konnte das passieren? Bin ich eine schlechte Mutter, weil ich schon wieder die Nerven verloren habe?

Wutanfälle sind meist ein Zeichen für Überlastung

„Wut ist eine normale, sehr intensive Emotion, die natürlich auch im Umgang mit Kindern passieren kann, und den allermeisten Eltern irgendwann auch passiert“ erklärt Mag. Doris Klepp vom Österreichischen Institut für Familienforschung. „Wenn die Emotionen aber – wie bei einem Wutanfall – so heftig werden, dass man die Kontrolle über sich selbst verliert, ist das natürlich schon auch problematisch.“ Die pädagogische Psychologin betont, dass Wut meist ein Anzeichen für Überforderung ist – und rät dazu, die Wurzeln des Übels zu identifizieren, und die Belastung durch entsprechendes Gegensteuern zu verringern (siehe Kasten). Wenn es aber doch passiert, und man die Nerven verliert, kann man auch während einem Wutanfall versuchen, seinen Zorn einzudämmen, und damit möglichst wenig Schaden anzurichten.

Für den Notfall: So können Sie sich beruhigen

Wenn Sie in einem Wutanfall merken, dass Sie die Kontrolle über sich selbst verlieren, hilft Abstand. Treten Sie ein paar Schritte aus der emotional „heißen“ Zone zurück, oder verlassen Sie sogar den Raum. Sehr hilfreich kann es auch sein, in den Garten zu gehen, oder das Fenster zu öffnen und bewusst einund auszuatmen. Sauerstoff fördert nämlich die Durchblutung des Gehirns und damit auch die Fähigkeit, klar zu denken und zu handeln. Falls Sie Ihr Kind dennoch anschreien, sollten Sie versuchen, nicht „untergriffig“ zu werden, und auch eher die Situation beziehungsweise das Verhalten des Kindes zu thematisieren, als die Person des Kindes selbst. Also zum Beispiel eher „Was du getan hast, ist schlimm!“ als „Du bist schlimm!“. Das gilt  übrigens auch für das Gespräch, das Sie nach einem Wutanfall mit Ihrem Kind auf jeden Fall führen sollten. Betonen Sie dabei, dass Sie Ihr Kind lieben – und dass Sie nicht durch das Kind, sondern durch manche seiner Handlungen bzw. die dabei entstehenden Resultate in Wut versetzt werden. Anstatt also zu sagen. „Es tut mir leid, aber es regt mich eben auf, dass du immer soviel patzen musst,“ sollten sie eher sagen: „Es tut mir leid. Ich mag eben keine Flecken auf dem Sofa.“ Ganz wichtig: Wenn Sie merken, dass Sie eventuell sogar drauf und dran sind, Ihr Kind zu schlagen, kann es helfen, das Kind zu berühren – Körperkontakt kann Spannungen lösen. Es ist nämlich bereits eine Form von Gewalt, jemanden, der wie ein Kind deutlich kleiner und schwächer ist, anzubrüllen. Und dieser Verbal-Gewalt sollten auf keinen Fall auch noch Handgreiflichkeiten folgen.

„Nach einem Wutanfall, bei dem sie ihre Kinder angeschrieen haben, fühlen sich die meisten Eltern schlecht. Viele schämen sich dafür. Das kann man auch zum Anlass nehmen, mit dem Partner über den Wutanfall zu reden, und dabei auch gleich Gründe für den Wutanfall ansprechen, damit so etwas
nach Möglichkeit nicht mehr vorkommt.“ Mag. Doris Klepp, Österreichisches Institut für Familienforschung

 

Warum warst du so wütend?

NICHT IMMER IST DER SCHEINBARE AUSLÖSER DER TATSÄCHLICHE GRUND FÜR EINEN WUTANFALL. DIE WURZELN LIEGEN FAST IMMER TIEFER.

WUTANFÄLLE HABEN IMMER MIT ÜBERFORDERUNG ZU TUN
KURZFRISTIGE ÜBERFORDERUNG: Einzelne Situationen, in denen man unter Druck bzw. Stress gerät, weil z.B. ein Termin eingehalten werden muss. Man ist spät dran – und die Kinder sorgen für zusätzliche Verzögerungen, weil sie sich z.B. weigern, ihre Jacken anzuziehen.
GENERELLE ÜBERFORDERUNG: Wenn man seinen Kindern gegenüber eine generelle Gereiztheit empfindet und öfter wütend ist, kann eine grundsätzliche Überlastung bzw. grundsätzliche Unzufriedenheit mit der eigenen Lebenssituation vorliegen.
ZU WENIG FREIRAUM: Wer rund um die Uhr mit kleinen Kindern zu tun hat, braucht gelegentlich eine Auszeit. Ansonsten wächst die Gefahr, die „Nerven zu verlieren.“
SCHLAFENTZUG: Kinder groß zu ziehen gehört zu den härtesten Jobs – auch deshalb, weil viele Eltern (meistens vor allem die Mütter) chronisch übermüdet sind. Vor allem Kleinkinder können einen auch in der Nacht ziemlich auf Trab halten. Müssen dann am nächsten Tag eventuell auch noch die größeren Geschwister versorgt werden, sind angespannte Nerven vorprogrammiert. Und wenn man übermüdet ist, können auch Situationen, die man prinzipiell eigentlich gar nicht so schwer nehmen würde, Wutanfälle auslösen.
PROJEKTION: Oft lösen auch Verhaltensmuster des Kindes Wut aus, weil man diese Verhaltensmuster an sich selbst nicht akzeptieren kann. Diese „heimlichen“ Wutauslöser können ohne professionelle Hilfe kaum identifiziert werden.
DEPRESSION: Permanente Gereiztheit und chronisch „schlechte Nerven“ können ein Zeichen für eine Depression sein. Depressionen können sich auch als Aggressionen manifestieren.

Vorbeugen statt auszucken

BETRACHTEN SIE, IN WELCHEN SITUATIONEN SIE BESONDERS REIZBAR SIND. WENN SIE DANN DIE RICHTIGEN KONSEQUENZEN ZIEHEN, KÖNNEN SIE DIE MEISTEN IHRER WUTANFÄLLE VERMEIDEN.

UNTERSTÜTZUNG ANFORDERN: Wenn Sie immer wieder Wutanfälle haben, sollten Sie sich fragen: Wo fühlen Sie sich überlastet oder alleine gelassen? Womit sind Sie unzufrieden? Besprechen Sie mit Ihrem Partner, wo Sie Hilfe brauchen, was er Ihnen abnehmen kann (Einkaufen, die Kinder zu Bett bringen,...), und wo eine dritte Person (z.B. Babysitter, Haushaltshilfe,...) Support geben kann.
KOMMUNIKATION: Reden Sie mit Ihrem Partner immer wieder darüber, wie es Ihnen wirklich geht. Aber auch der Kontakt zu anderen Eltern kann Wunder wirken, weil man hier sieht, dass es anderen ähnlich geht.
ABLENKUNG: Wut und Überforderung können auch entstehen, wenn Mütter oder Väter sich ihren Kindern ausgeliefert fühlen, weil sie ohne Auszeit für sie „zuständig“ sind. Wenn für andere Kontakte bzw. Aktivitäten keine Zeit bleibt, kommt oft auch das Gefühl der „Isolation“ dazu – und das kann ebenfalls für ein angespanntes Nervenkostüm sorgen. Gönnen Sie sich also auch regelmäßig einen Kinoabend, ein Treffen mit Freunden, etc. – Ihre Kinder werden es Ihnen danken, weil Sie danach entspannter und stärker sind.
GRENZEN SETZEN: Wenn Ihre Kinder gewohnt sind, die mit Ihnen vereinbarten Regeln zu befolgen, gibt es weniger Reibungspunkte und damit auch weniger Situationen, in denen die Eltern die „Nerven verlieren“ können. Die meisten Erziehungsberater und Psychologen stimmen überein, dass auch die Kinder lieber Grenzen respektieren und Regeln befolgen, anstatt immer wieder herumzudiskutieren und damit auch Streit zu riskieren. Ohne Konsequenz in der Erziehung funktioniert das aber kaum.

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