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Vater der Pille – sein BE-Interview

Carl Djerassi, verstorben in der Vorwoche im Alter von 91 Jahren, ist als Erfinder der „Pille“ in die Geschichte eingegangen. Der weltberühmte Chemiker war aber auch als Schriftsteller und Dramatiker erfolgreich. Im BabyExpress-Interview plauderte Djerassi über sein Stück “Taboos“ - und verriet, warum er gerne die Pille für den Mann genommen hätte.

BabyExpress: Guten Tag, Herr Professor Djerassi. Heute Abend hat Ihr Stück „Taboos“ in Graz Premiere. Sind Sie schon aufgeregt?
Djerassi: Ich bin nicht aufgeregt im Sinne von nervös, aber ich bin neugierig-aufgeregt. Weil es ja von dem Theater als eine Interpretation des Stückes announciert wurde, und ich weiß nicht, ob das dasselbe ist wie eine Aufführung des Stückes. Außerdem ist das Stück noch nie auf deutsch aufgeführt worden, die Premiere war vor vier Monaten in London, und ich bin schon neugierig, wie das Stück hier in Österreich gespielt und wie es vom Publikum aufgefasst wird. Das wird eine sehr interessante Überraschung sein, und ich hoffe, es wird auch eine freudige Überraschung sein. Ich bin auf jeden Fall gespannt.

Darf ich Ihnen zur Entspannung einen Witz erzählen?
Einen Witz? Ja, bitte, erzählen Sie.

Eine sehr alte Frau kommt zum Apotheker und verlangt die Pille. „Sind Sie sicher?“ fragt der Apotheker. Die Frau sagt ja, und bittet den Apotheker, die Pille zu pulverisieren. Der wundert sich, tut es aber. Als er fertig ist, nimmt die alte Frau einen Geldschein aus der Tasche und zieht sich das Pillenpulver in die Nase. Der Apotheker will das verhindern, aber sie sagt: „Lassen Sie mich, das ist schon richtig so, weil bei mir spielt sich der Sex nur mehr im Kopf ab.“
Hahaha (lacht schallend) ... Das ist ein guter Witz (lacht weiter) ... den werde ich vielleicht von Ihnen stehlen.

Mögen Sie die Heldin des Witzes?
Ja. Für mich ist es natürlich nichts Ungewöhnliches, wenn ein älterer Mensch an Sex denkt. Und wenn Sie auch darauf hinauswollen, dass ich diese Frau mögen könnte, weil sie emanzipiert zu sein scheint und ihr Sexualleben – dank der Pille – selbstbewusst auslebt... Einverstanden!

Selbstbewusste und emanzipierte Frauen träumen aber auch von einer Pille für den Mann. Wie würde die Welt aussehen, wenn Sie 1951 die Pille für den Mann erfunden hätten?
Wenn es nur die Pille für den Mann gegeben hätte, wäre das meiner Meinung nach sehr schlecht für die Frauen gewesen. Das würde nämlich bedeuten, dass viele Frauen noch immer nicht entscheiden könnten, ob und wann sie schwanger werden möchten. Sie wären also noch immer total abhängig von Männern! Und wenn man jetzt eine Pille für die Frau, und eine Pille für den Mann hätte, dann kommt es total auf die Frau an, ob sie dem Mann vertraut.  Weil: Wer wird denn schwanger dabei? Die Frau. Aber die Frau kann nicht immer wissen, ob ein Mann die Pille nimmt. Und wenn ja: Wie wissen sie, ob er nicht vergessen hat, die Pille zu nehmen? Von dem Standpunkt her war – vor allem für die Frauen – die Pille für die Frau die bessere Lösung.

Hätten Sie die Pille für den Mann genommen?
Ich habe immer gesagt, dass der Mann auch Verantwortung bei der Verhütung übernehmen soll. Weil es aber die Pille für den Mann bis jetzt nicht gibt, habe ich eine Vasektomie* (*Sterilisation des Mannes mittels Durchtrennung der Samenleiter, Anm.) gehabt. Und das ist viel drastischer als die Pille. Die Antwort ist also: Wenn es eine gute Pille für den Mann gegeben hätte: Ja natürlich hätte ich sie genommen.

Die von Ihnen entwickelte Pille wird oft als einer der Auslöser für die sexuelle Revolution bezeichnet...
Diese sexuelle Revolution der sechziger und siebziger Jahre war nicht nur ein Resultat der Pille. Sie hat das natürlich erleichtert, aber es sind zu dieser Zeit einige Faktoren wie die Hippe-Kultur, Rock’n Roll und die feministischen Bewegungen zusammen gekommen. Ohne die Pille wäre die sexuelle Revolution meiner Meinung nach also auch gekommen – nur hätte es dann wesentlich mehr Abtreibungen gegeben.

Mit Ihrem Stück „Taboos“ greifen Sie das Sexualverhalten im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit und die bevorstehende Trennung von Sex und Fortpflanzung auf. Ist das die nächste sexuelle Revolution?
Viele Leute reagieren erschrocken auf so eine Sache wie die Trennung von Sex und Befruchtung. Sie wollen sich mit diesen Themen überhaupt nicht beschäftigen und vergessen, dass es in katholischen Ländern wie Österreich oder Italien, Spanien längst ein Faktum ist: Wir haben hier Geburtenraten von 1,5 bzw. 1,2. Kein Mensch kann also sagen, dass man hier nur Sex hat, um Kinder zu zeugen, weil dann die Leute ja kaum Sex in diesen Ländern hätten. Die Trennung zwischen Sex und Fortpflanzung ist also de facto schon längst passiert! Der einzige Aspekt, der noch nicht passiert ist, dass mehr und mehr fruchtbare Leute zur In-vitro-Fertilisation gehen werden. An diese Vorstellung werden sich die Leute gewöhnen müssen. Und wenn es in einigen Ländern schwierig oder teuer sein wird – dann werden sich die Leute eben in ein Flugzeug setzen, und zur Befruchtung in ein anderes Land fliegen, wenn sie ein Kind wollen.

Und warum sollte die Fortpflanzung so konsequent vom Sex getrennt werden?
Jede 24 Stunden gibt es weltweit etwas mehr als 100 Millionen Sexual-Akte. Jede 24 Stunden gibt es etwa eine Million Befruchtungen. Davon ist etwa die Hälfte unerwartet, und von dieser Hälfte ist etwa die Hälfte unerwünscht. Resultat ist, dass es alle 24 Stunden auf dieser Welt ungefähr 150.000 Abtreibungen gibt. Wenn man diese Zahl minimieren will, würde ich sagen, dass man mehr erwünschte, und erwartete Kinder haben soll, anstatt Überraschungen, die so oft zu Abtreibungen führen.

Viele unserer Leserinnen und Leser erwarten ein Kind, oder sind frischgebackene Eltern. Welche Botschaft haben Sie für diese Menschen?
Ich hoffe, dass ihre Leserinnen auch den richtigen Mann ausgewählt haben, der nicht nur der genetische Vater ist, sondern auch ein richtig väterlicher Vater. Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass Kinder zwei gute, liebende Eltern haben. Und dass es für beide Eltern ein erwünschtes, erwartetes Kind ist. Ein Wunschkind ist fast immer ein geliebtes Kind! Natürlich darf es auch eine Überraschung sein – aber es sollte keine schlechte Überraschung sein.

Bei amazon findet man derzeit 27 Bücher von Ihnen. Wie kann man eigentlich mehr Geld verdienen: Als Chemiker oder als Autor?
In den meisten Fällen weder mit dem einen, noch mit dem anderen. Für die Schriftstellerei muss es ein Bestseller sein. Und Bestseller sind selten auch die intellektuell wichtigsten Bücher. Und bei der Chemie ist es ähnlich wie in der Kunst: Man braucht Glück, um eine Erfindung oder ein Patent zur richtigen Zeit zu haben. Ich habe das Glück gehabt, früher in meinem Leben eine Erfindung gemacht zu haben, mit der ich auch viel Geld verdient habe. Aber wie gesagt: Meistens ist beides brotlos: Die Kunst und die Chemie.

Ihr Sohn Dale hat sich dennoch für eine Karriere als Künstler entschieden...
Ja, er ist ein guter und erfolgreicher Regisseur. Und er hat mich zum Großvater gemacht! Mein Enkelsohn Alexander ist mittlerweile schon 21 Jahre alt und hat gerade Political Philosophy an der Princeton Universität abgeschlossen. Alex ist wunderbar, smart und fesch, das ideale Enkelkind. Er hat eben gute Gene, auch von meinem Sohn.

Sie sind ja auch ein großer Förderer von Künstlern. Der Grund für Ihr Engagement hat aber traurige Wurzeln...
Ja, begonnen hat das mit einer sehr traurigen Sache, nämlich mit dem Selbstmord meiner Tochter, die eine Künstlerin war. Danach wollte ich etwas schaffen, was eine Reflexion ihres Selbstmordes war. Ich wollte lebende Künstler unterstützen. Deshalb habe ich diese Stiftung etabliert, wo bis jetzt schon über 1500 Künstler waren. Übrigens mehr Künstlerinnen als Künstler. Es tut mir leid, dass es so eine Tragödie gebraucht hat, dass ich das gemacht habe. Aber da kann man wohl nur sagen: C’est la vie.

Wie sind Sie damals über den Tod Ihrer Tochter hinweggekommen?
Über so etwas kommt man nie hinweg. Aber... es ist ja schon 1978 passiert. Und ich habe darüber sehr viel reflektiert. Und ich habe beschlossen, etwas Lebendes aus diesem freiwilligen Tod zu schöpfen. Und das habe ich, glaub ich, getan, weil viele dieser Künstler durch die Stiftung eine neue Art von Leben bekommen. Sie können ihrer Arbeit endlich ohne Schwierigkeiten und ohne Unterbrechungen nachgehen. Das war das einzige, das mir geholfen hat, mit dieser Tragödie irgendwie zusammen zu kommen.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.


Ein weltberühmter US-Chemiker aus Österreich
Carl Djerassi, wurde am 29. Oktober 1923 als Sohn eines Österreichisch-Bulgarischen Ärzte-Paares in Wien geboren. 1938 floh Djerassi vor den Nazis zunächst nach Bulgarien, von wo aus er später in die USA auswanderte und seine Karriere als Chemiker begann. Nachdem er es schaffte, das Schwangerschaftshormon Gestagen künstlich herzustellen, entwickelte er 1951 mit „der Pille“ ein bahnbrechendes Verhütungsmittel. Seit den achtziger Jahren war Djerassi auch als Schriftsteller erfolgreich, seine Werke behandelten immer wieder auch die Themen Wissenschaft und Fortpflanzung. Djerassi war mit der Schriftstellerin und früheren Stanford-Professorin Diane Middlebrook verheiratet und hatte zwei Kinder: Pamela Djerassi Bush (20. April 1950 bis 5. Juli 1978) und Dale Djerassi, geboren 1953. Carl Djerassi starb am 30. Jänner 2015 in den USA.


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