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Eine Frage der Ethik

"Man lernt nicht für die Schule sondern fürs Leben.“ Mal ehrlich, wer hatte im Laufe seiner Bildungskarriere an der Wahrhaftigkeit dieses Aphorismus– vorausgesetzt man konnte im verwirrenden Taumel mathematischer Formelexzesse, staubtrockener Satzbestimmungsorgien und nervenaufreibender Gedächtnisübungen noch klare Gedanken fassen – nicht gezweifelt? Dass Bedenken hinsichtlich der Gültigkeit des von Eltern und Pädagogen oft bemühten Anspruchs partout ihre Berechtigung haben, lässt sich vor allem durch das lehrplanspezifische Ignorieren existenzieller Fragestellungen an den hiesigen Schulen bestätigen. So messen österreichische Bildungsstätten der auswendig gepaukten Anatomie des Laubfrosches offenbar mehr Relevanz bei, als der Auseinandersetzung mit der für Heranwachsende nicht unwesentlichen Frage, ob individuelle Freiheit in einer von Normen und Regeln strukturierten Gemeinschaft realisierbar ist. Ohne die Stundentafeln der alpenländischen senstempel disqualifizieren zu wollen, erfährt die bedenkliche These, dass an einer österreichischen Regelschule, egal ob Gymnasium, HTL oder HAK, lebensbestimmende Begrifflichkeiten wie Gerechtigkeit, soziale Verantwortung oder individuelle Freiheit nur peripher referiert werden, mit einem Blick auf den stofflichen Inhalt der gelehrten Gegenstände ihre lupenreine Bestätigung. Mit anderen Worten: Der minuziös aufbereitete Fächerkanon unserer Lehranstalten offeriert keinen eigenständigen Ethikunterricht. Zwar boten letztjährig rund 123 Schulstandorte ein Ethikfach an, jedoch nur auf Basis eines Schulversuchs. Im Vergleich mit anderen Staaten steht die Alpenrepublik mit der ostentativ stiefmütterlichen Behandlung ethischer Thematiken im Kontext des Regelschulwesens allein auf europäischer Flur. In diesem Sinn konstatiert die Generalsekretärin der „Initiative Weltethos“ Edith Riether: „Österreich ist das einzige EU-Land ohne einen etablierten Ethikunterricht.“ Trotz dieses unrühmlichen Status quo, dürfen sich langjährige Ethikbefürworter wie Edith Riether berechtigte Hoffnung auf die Realisierung ihrer Anliegen machen. Denn in den letzten Monaten zeichnete sich ein merklicher Umdenkprozess bei den politisch verantwortlichen Akteuren ab. So liegen bereits seit April konkrete Pläne betreffend eine Einführung des Ethikfachs für das Schuljahr 2009/10 vor.

„Der Wille zum Handeln ist da“

Für Edith Riether ist reges Interesse und konkrete Handlungsbereitschaft von Seiten der Politik erkennbar: „Der Wille zum Handeln ist bei den Verantwortungsträgern deutlich zu spüren. Sowohl von Seiten des Bundesministeriums, als auch von Seiten der Landeshauptleute gibt es positive Signale für eine baldige Entscheidung bezüglich eines Ethikfachs.“ Und auch der Philosoph und Universitätsprofessor Peter Kampits glaubt an eine konstruktive Weichenstellung in absehbarer Zeit. „Im Herbst wird bei einer Experten- Enquete ein ausgearbeitetes Konzept zur Diskussion stehen. Nachfolgend sollte die gesetzliche Verankerung über die politische Bühne gehen. Ich denke, dass der endgültige Startschuss für den Ethikunterricht im Schuljahr 2010/11 erfolgt.“ Auf die brisante Frage, wer das neue Fach unterrichten soll, erhält man mitunter divergierende Antworten. Von katholischer Seite gibt es Stimmen, die den gemeinen Religionslehrer als prädestiniert erachten. Aus philosophischen bzw. konfessionslosen Kreisen wird die Variante einer Zusatzausbildung favorisiert. Letzteres Modell eröffnet jedem ausgebildeten Pädagogen (egal ob Deutsch-, Chemie-, oder Religionslehrer) die Chance, als ordentlicher Ethikprofessor in den „schulischen Ring“ zu steigen. Peter Kampits, der seinerseits als Leiter des fakultätsübergreifenden Ethik-Lehrgangs an der Universität Wien zeichnet, meint hierzu: „Die zweijährige Ausbildung zum Ethiklehrer hat sich in der Praxis ausgezeichnet bewährt. Das einzige Problem bestand bisher darin, dass es in Österreich für die Absolventen zu wenige Stellen gab.“

„Wissen macht noch keine Demokratie“

Trotz mancherlei Ungereimtheiten in der abschnittsweise hitzig geführten Debatte rund um den „ethischen Startvorteil“ von Religionslehrern glaubt Edith Riether, dass die Skepsis der katholischen Kirche gegenüber dem Ethikunterricht gesunken ist. „Die Kirche hat gesehen, dass der Ethikunterricht in den Versuchsschulen keine Konkurrenz für den Religionsunterricht darstellt. In diesem Sinn darf es kein Entweder-Oder geben. Es muss sowohl Ethik- als auch Religionsunterricht am Programm stehen.“ Wie das einträchtige Nebeneinander dieser verwandten Gegenstände konkret aussehen könnte, ist noch unklar. Ein bereits präsentierter Vorschlag der ÖVP sieht das Ethikfach als „nachrangigen Pflichtgegenstand“. Das heißt: Nur vom Religionsunterricht dispensierte Schüler müssten am Ethikkurs teilnehmen. Diesem bildungspolitischen Ansatz kann Peter Kampits nur wenig abgewinnen: „Den Ethikunterricht als weltlichen Ersatz für den Religionsunterricht zu degradieren, unterminiert dessen Relevanz. Das Ethikfach sollte als Pflichtgegenstand für alle gelten, wobei der Religionsunterricht – wie bisher – auf freiwilliger Basis im schulischen Angebot bestehen bleiben sollte.“ Neben der umstrittenen lehrplantechnischen Prominenz des geplanten Gegenstandes ist für Schüler und Eltern aber vor allem eine Frage interessant: „Was wird im Ethikfach gelehrt?“ Die seit Jahren für einen Ethikschwerpunkt an österreichischen Schulen plädierende „Initiative Weltethos“ stützt ihren diesbezüglichen Vorschlag
auf das Werk des Schweizer Theologen Hans Küng. Edith Riether: „Zentral in Küngs Schriften ist die Überlegung, dass zwischen religiösen und nicht religiösen Gruppen frappante Übereinstimmungen in ethischen Ansichten bestehen. Unter anderem wäre dies die Goldene Regel (‚Was du nicht willst, das man dir tut, das füge auch keinem anderen zu!‘), die Achtung der Menschwürde bzw. die Erfurcht vor dem Leben.“ Weiters sollte dem Ethikfach auch eine politische Dimension inhärent sein, denn so Riether: „Wissen macht noch keine Demokratie.“

Wertepluralismus

Der Philosoph Peter Kampits präsentiert ein ebenfalls schlüssiges und vor allem zeitgemäßes Lehrkonzept. Abgesehen von einer fundierten Einführung in das Fach, lenkt er den inhaltlichen Diskurs auf die rezenten „heißen Eisen“ der angewandten Ethik: „Mit der Aufarbeitung des zwiespältigen Verhältnisses von Ethik einerseits, Wissenschaft, Medizin, Politik sowie Globalisierung andererseits, bekommen junge Menschen einen guten Einblick in zentrale Problemstellungen der Gegenwart.“ In diesem Sinn versucht der Leiter des Ethik-Lehrgangs der Universität Wien, abweichend zum gewöhnlichen Religionsunterricht, nicht das Aufstellen von Ge- und Verboten zu forcieren, sondern die Jugendlichen an ein reflektiertes, selbstständiges Denken heranzuführen. Ein nachvollziehbarer Ansatz, denn nur wer einen Pool überdachter Handlungsmöglichkeiten parat hat, kann innerhalb der vielschichtigen Gegebenheiten unserer sozialen Realität angemessen agieren. Laut Peter Kampits sprechen zwei vornehmliche Entwicklungen der letzten Jahrzehnte dezidiert für eine Einführung eines glaubensneutralen Ethikfachs. Zum Ersten wäre dies die rückgängige Einflusssphäre der Religion innerhalb unserer Kultur: „Wir leben in einer größtenteils säkularisierten Gesellschaft.“ Folglich hat der Religionsunterricht nur mehr bedingten Zugang zu den Sorgen und Nöten der jungen Generation. Und zum Zweiten ortet der Philosoph eine zunehmende Wertevielfalt: „Der Wertepluralismus ist ein gegenwärtiges Faktum.
Zum Beispiel leben in Österreich mehr Muslime als Protestanten.“ Mit Sicherheit hat das Ethikfach die Kompetenz, Kinder aus unterschiedlichen konfessionellen Richtungen auf einer gemeinsamen Basis zu unterrichten. Denn egal ob Katholizismus, Islam oder Buddhismus, ethische Grundsätze sind in allen religiösen Richtungen zu finden. Edith Riether: „Es gibt nur eine Ethik.“ Vielleicht könnte ein Ethikfach – neben dem Prozess der Bewusstwerdung von ethischen Maßstäben in einer Zeit von Profit- und Kapitaldiktat – auch das gesellschaftliche Miteinander jenseits von Glaubensdoktrinen zukunftsträchtig vorantreiben. Münzt man nun die dritte philosophische Grundfrage Kants – „Was darf ich hoffen?“ – im Bezug auf die Nützlichkeit des künftigen Ethikunterrichts um, so ist diese lapidar zu beantworten: „Respekt, Würde und Solidarität.“

Ethik

Ethik [griechisch: éthos = „Sitte“, „Brauch“] die philosophische Auseinandersetzung mit dem Sittlichen (Sittlichkeit); vor dem Hintergrund einer Pluralität an Auffassungen hinsichtlich der guten Lebensführung des Menschen und des richtigen Handelns sucht sie Antworten auf die Frage: „Was sollen wir tun?“ Gegenstände ihrer Betrachtung sind insofern die menschlichen Handlungen, die Gesinnung, aus der diese hervorgehen (Gesinnungsethik), die von ihnen erzeugten Wirkungen (Erfolgsethik) und die Werte und Normen selbst (Wertethik). Von dieser Individualethik wird eine Sozialethik unterschieden. Im Unterschied zur Individualethik, die sich mit den Werten und Normen für das Verhalten des Individuums gegenüber sich selbst, gegenüber anderen Menschen (und auch gegenüber Gott) beschäftigt, will die Sozialethik die ethischen Grundsätze und Leitbilder gesellschaftlichen Lebens ermitteln, wie sie in den verschiedenen Lebensordnungen (z.B. Familie, Ehe, Schule, Wirtschaft, Recht) zum Ausdruck kommen.

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