pr__fungsvorbereitung

Frust in der Schule

Unkonzentrierte Schüler, frustrierte Lehrer und genervte Eltern: Das bisherige Schulsystem hat längst ausgedient. Alternativen müssen her. Aber welche?
BE sprach mit dem Pädagogen und Autor Prof. Kurt Singer.

Warum bringen die bisher durchgeführten „Reformen“ so wenig?
Weil nicht an die Kinder gedacht wurde, sondern an schulbürokratische Veränderungen. Kinder hätten sich über Pisa freuen können, denn es zeigt auf, wie pädagogische Schulen arbeiten und dabei hervorragende Leistungen hervorbringen – ohne Notendruck, ohne unbarmherzige Auslese, ohne „Durchfallen“, ohne Leistungsüberforderung, ohne Lernen im „Gleichschritt“, ohne Rivalität. Viele der „Reformen“ brachten jedoch noch mehr Leistungsdruck. Was die Schulorganisatoren aus den Leistungsstudien gelernt haben, waren nicht kinderfreundliche Lernbedingungen guter Schulen, sondern Testen, Testen und noch mal Testen. Auf diese Weise verkommt die Schule zur Prüfschule; Kinder brauchen jedoch eine Lernschule, in der sie Lernfreude und Leistungsglück erfahren, statt Furcht, Zwang und Auslese. Dann bräuchten sich Eltern nicht mit der scherzhaften, aber im Grund ernsten Frage befassen: „Geht es Ihnen gut, oder haben Sie noch Kinder in der Schule?“

Liegt die Unzufriedenheit vieler Kinder, Eltern und Lehrer an strukturellen Fehlern des Schulsystems?
Ja, zum Beispiel an der frühen Auslese nach unterschiedlichen Schularten. Die Aussonderung der Kinder mit neun Jahren kann für Kinder schädlich sein; denn niemand weiß vorherzusagen, wie sich das Kind weiter entwickelt. Der Selektionsblick bringt manche Eltern in Panik und verdirbt Grundschullehrerinnen ihre pädagogische Haltung, nämlich die Schüler in ihrer Ganzheit wahrzunehmen, statt mit dem einseitigem Blick auf die Leistung. Kinder brauchen ein langes, gemeinsames Lernen bis zum 8. oder 10. Schuljahr in einer Klasse, in der der Unterricht immer mehr differenziert wird nach den individuellen Möglichkeiten der Schüler. Dabei zeigt sich, dass das nicht nur die soziale Entwicklung fördert, sondern auch zu besseren Leistungen führt als im dreigliedrigen Schulsystem. In dem wird viel zu wenig darauf geachtet, dass jedes Kind anders ist. Eltern kämen nicht unter den für sie oft existenziellen Druck der frühen Schullaufbahnentscheidung. Andere strukturelle Fehler sind die dem Lernen schädlichen Noten. In vielen Ländern und Reformschulen, die hervorragende Leistungen aufweisen, kennen Schüler bis zum 8. Schuljahr nur ausführliche Lernberichte, die ihnen helfen, ihre Stärken auszubauen und ihre Schwächen zu korrigieren.

Wie könnte erfolgreicher Unterricht funktionieren? Was muss diesbezüglich berücksichtigt werden?
Lernpsychologischer Grundsatz ist: Jedes Kind braucht Erfolg, aber nicht jedes kann denselben Erfolg erreichen. Deshalb müssen Lehrer den Unterricht individualisieren: die einzelnen Kinder dort abholen, wo sie jetzt stehen. Sie ermöglichen ihnen die erreichbare Leistung und schaffen auf diese Weise allen die Erfahrung: „Das kann ich jetzt.“ Nichts motiviert stärker zu weiterem Lernen als das Erfolgsgefühl. Deshalb lassen Lehrer in einem guten Unterricht kein Kind scheitern, es gibt keine „Sitzenbleiber“. Dabei hat sich erwiesen, dass Schüler, die statt „sitzen gelassen“ mitgenommen wurden, in den Folgejahren weit besser lernten als jene, welche die Lehrer durchfallen ließen. Aufgabe von Lehrern ist es, Erfolg nicht nur zu messen, sondern zu ermöglichen. Wenn dazu die Anerkennung des Kindes durch Eltern und Lehrer kommt, ist viel für die Lernmotivation getan.

Was können Lehrer tun, um den Unterricht für Schüler attraktiver zu machen?
Sie können vor allem das Schülerinteresse in den Mittelpunkt des Lernens stellen: an die Fragelust der Kinder anknüpfen, die Wissbegier der Schüler aufgreifen und alle Lerngegenstände so an die Schüler heranführen, dass dabei das Interesse geweckt wird. Denn ohne Interesse gibt es keine Bildung. Es zählt zum Schlimmsten, was Schule anrichtet, wenn das Lerninteresse von Jahr zu Jahr abnimmt, weil Schule zur Lehrplan-Vollzugsanstalt gemacht wird und nicht zur Lernwerkstatt: In der dürfen Kinder selbst tätig sein, handelnd lernen, statt von Lehrern totgeredet zu werden. Eltern können zum Wecken des Interesses beitragen, indem sie sich nicht nur für die Noten interessieren, sondern auch für das, was das Kind lernt – aber nicht abfragend,
sondern Anteil nehmend.

Sie waren selbst Lehrer, welche „Unterrichtsmodelle“ standen bei Ihnen auf dem Stundenplan?
Mir lag vor allem daran, ein freundliches Lernklima zu schaffen. Da merkte ich bald, dass gute Stimmung gute Leistung zur Folge hat. Ich wollte, dass die Schüler angstfrei lernen können – und das beantworteten sie mit großem Lerneifer. Ich benotete zum Beispiel nie einen Aufsatz der Schüler, sondern „antwortete“ auf ihre Mitteilung durch eine ausführliche Bemerkung, zeigte Interesse an ihren Aussagen und gab stilistische Hinweise. Meine damaligen Vorgesetzten tolerierten mein ungehorsames Lehrerverhalten, weil sie sahen, wie ungewöhnlich gut sich die Schüler im Sprechen und Schreiben entwickelten. Damals war ich bei den Ersten, die Schüler in Partnerund Kleingruppenarbeit arbeiten ließen; das tägliche „Gespräch im Kreis“ dazu. Theoretisch sind diese Arbeitsformen heute selbstverständlich – aber es ist erstaunlich, für wie wenige Kinder noch heute Partnerarbeit zu jedem Schulvormittag gehört. Kern meiner unterrichtsmethodischen Bemühungen war, die Schüler alles selbst tun zu lassen, was sie selbst tun können; denn Eigenaktivität gehört zur höchsten Lebensqualität von Kindern.

Was denken Sie darüber, dass Österreichs Lehrer streiken wollen, weil die Bildungsministerin wöchentlich eine Stunde mehr Arbeitszeit von ihnen fordert?
Ich kenne die Situation nicht. Aber ich fände hilfreich, wenn diese Wochenstunde nicht für den Unterricht verwendet würde, sondern für die Fortbildung der Lehrerinnen und Lehrer. Dann könnten die KollegInnen zum Beispiel zweiwöchentlich eine zweistündige pädagogische Konferenz abhalten, wie das in alternativen Schulen selbstverständlich ist. Darin könnten sie schulpraktische Probleme erörtern, oder im Sinne einer Supervisionsgruppe Konflikte mit den Jugendlichen durcharbeiten, oder psychologische Erkenntnisse für den Umgang mit Jugendlichen erwerben. Vor allem würden die Lehrer darin unterstützt, mit der Individualisierung des Unterrichts ernst zu machen, statt die Schüler im wenig lernwirksamen Frontalunterricht zu belehren. Der Kultusministerin würde ich empfehlen, Lehrern diese pflichtmäßige Weiterbildung zugutekommen zu lassen. Dann würden vermutlich Lehrer nicht mehr in so großer Anzahl krank; denn sie könnten besser und mit mehr Freude unterrichten. Wenn Lehrer differenzierten Unterricht abhalten, würde auch für Eltern eine Erleichterung eintreten: sie bräuchten für ihre Kinder nicht mehr außerschulischen Nachhilfeunterricht bezahlen, wenn die Schülerhilfe in der Schule geschieht, statt auf dem freien Markt.

Wie kann die Kommunikation zwischen Eltern und Lehrern verbessert werden?
Es gehört zu den Schulkatastrophen, dass viele Eltern und Lehrer am liebsten nichts miteinander zu tun hätten. In einer Befragung waren es 90 Prozent der Eltern, die den Lehrern gegenüber kontaktunwillig und reserviert sind; demgegenüber standen 83 Prozent kontaktunwillige und reservierte Lehrer. Bei einer Partnerberatung könnte man da nur noch von Trennung sprechen. Aber Lehrer und Schülereltern sind aneinander gekettet und müssten deshalb alles tun, um ihre Beziehung für sich selbst und im Interesse der Schüler kooperativer zu gestalten: durch regelmäßige Eltern-Lehrer- Gespräche, durch Elternabende, auf denen Lehrer und Eltern „auf gleicher Augenhöhe“ miteinander, statt gegeneinander reden. Durch echte Eltern-Mitsprache in den Schulgremien könnte ein Klima der Gemeinsamkeit entstehen. Dazu sollten sich Eltern pädagogisch sachverständig machen. Nur dann können sie bei Entscheidungen mitsprechen und mitbestimmen. Statt der Distanz zwischen Eltern und Lehrern entstünde eine Erziehungspartnerschaft, die für Schüler, Eltern und Lehrer ein Gewinn wäre.

Wie können Eltern ihren Kindern helfen, wenn diese vom Lehrer unfair behandelt werden?
Ich habe dieser Frage in meinem Buch „Die Schulkatastrophe“ in eigenen Kapiteln viel Raum gegeben, wie auch den Möglichkeiten der Zusammenarbeit von Eltern und Lehrern. In den Einzelfällen des Machtmissbrauchs kränkender Lehrer sollten sich die Eltern mit Mut schützend vor ihre Kinder stellen; denn die Menschenrechte gelten auch in der Schule. Pädagogisch eingestellte Lehrer machen es vor, wie sie mit pädagogischem Takt vermeiden, Kinder auszulachen, sie bloßzustellen, mit verletzenden Worten zu kränken und zu demütigen. Auf diesem achtsamen Umgang mit den Kindern sollten Mütter und Väter nicht nur in der Familie, sondern auch in der Schule bestehen. Sie dürfen ihre Kinder gegen die Übermacht unpädagogisch handelnder Lehrer nicht allein lassen. Oft schweigen Eltern zum Unrecht mit der Begründung, der Lehrer ließe es die Kinder büßen, wenn sie sich beschwerten. Das ist nicht die Regel – und wenn es geschähe, wäre das ein Verstoß, gegen den sich Eltern erst recht wehren müssten. Die Chance der Verständigung wächst, wenn
die Auseinandersetzung nicht in aggressiver Weise erfolgt. Vor allem müssten sich Eltern und Lehrer in dem gemeinsamen Bemühen zusammentun, die Schulangst aus dem Unterricht zu verbannen; denn Angst blockiert das Denken, macht dumm und anpassungsbereit. Kinder brauchen jedoch Lernfreude, Ermutigung und Sicherheit in der Beziehung, das tut auch dem Familienleben gut.

 

Die Schulkatastrophe

Anfänglich war Dr. Kurt Singer Lehrer an verschiedenen Volksschulen, danach Universitätsprofessor für Schulpädagogik und pädagogische Psychologie an der Universität München. Er ist Autor von elf Büchern, deren Arbeits- und Forschungsthemen Schule, Pädagogik und Unterrichtsformen in den Mittelpunkt rücken. Sein aktuelles Buch hat den Titel „Die Schulkatastrophe“..

Wann ist mein Kind schulreif?

Sophie konnte bereits im Kindergarten lesen und schreiben – der Schulstart, so dachten alle, sollte also kein Problem darstellen. Zu Beginn lief auch alles
wie erwartet. Sophie hatte Spaß an der Schule, sie begriff sehr schnell und zeigte sich sehr interessiert. Nach ein paar Wochen allerdings wollte sie plötzlich keine Hausübungen mehr machen, fing an im Unterricht zu blödeln und die anderen Kinder zu stören. Nach einer psychologischen Testung stellte sich heraus, dass Sophie zwar sehr intelligent ist, aber noch nicht schulreif. Sie war mit der schulischen Situation trotz guter Begabung total überfordert.
Wann ist mein Kind denn eigentlich schulreif? Die Schulreife setzt sich aus vier Bereichen zusammen – die körperliche Reife, das soziale Verständnis, dem
emotionalen sowie dem intellektuellen Entwicklungsstand. Die körperliche Schulreife zeigt sich darin, dass sich Ihr Kind insgesamt körperlich streckt und plötzlich nicht mehr wie ein knuddeliges Kindergartenkind aussieht. Die soziale und emotionale Reife eines Kindes zeigt sich darin, dass es abwarten kann, bis es an der Reihe ist, und Aufforderungen, die an die ganze Gruppe gerichtet sind, auf sich selbst bezieht. Das Kind entwickelt Gerechtigkeitssinn und Wettkampfgeist und will nicht mehr, dass man es im Spiel „gewinnen lässt“, es will sich mit anderen messen, um seine Fähigkeiten richtig einschätzen zu können. Die intellektuelle Schulreife schließlich zeigt sich darin, dass sich das Kind sprachlich gut ausdrücken kann, es beginnt sich (von sich aus!) für Buchstaben und deren Bedeutung zu interessieren. Es kann sich etwa 15 Minuten auf eine Sache konzentrieren und zeigt den Willen, Dinge fertigzustellen. Trotz anfänglicher Enttäuschung bei Sophies Eltern, waren dann alle mit der Empfehlung für die Vorschule sehr zufrieden. Sophie hat nun noch Zeit, in aller Ruhe „schulreif“ zu werden und nächsten Herbst richtig durchzustarten. Haben Sie Fragen zur Schulreife Ihres Kindes? Wenden Sie sich bitte an uns. Kinderpsychologisches Zentrum Mag. Sabine Kurfürst, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! www.kinderpsychologischeszentrum.at Tel.: 0699 10 11 37 61

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