oma spital

Oma wird nicht mehr gesund

Sie waren ein Herz und eine Seele. Johanna Rieckhoff, 14, und ihre Oma, Erika Pohl, 86. Oma hat oft auf Johanna aufgepasst, und mindestens ein Mal pro Woche etwa Schönes mit ihrer Enkeltochter unternommen. „Sie war eine tolle Oma“, sagt Sibylle Rieckhoff, 52. Die Autorin ist Erika Pohls Tochter und Johannas Mutter. „Sie war eine sehr liebevolle Oma. Und sie war zu Johanna weit weniger streng, als sie mit mir als Kind war.“ Typisch Oma eben. „Oma war sehr nett, sehr lieb, und sehr großzügig“, erzählt Johanna. „Wir haben ein sehr enges Verhältnis gehabt.“

Der Tag, der alles veränderte

Vor fünf Jahren wird dieses enge Verhältnis von einem Augenblick zum nächsten jäh verändert. Bis zu diesem Augenblick ist Erika Pohl eine gesunde, agile, rüstige alte Dame. Mehrere Stunden nach diesem Augenblick schöpft Sibylle Rieckhoff Verdacht. Sie wundert sich, warum ihre Mutter das Telefon nicht abhebt. Schließlich fährt sie zur Wohnung ihrer Mutter. Dort angekommen hat Frau Rieckhoff plötzlich eine schreckliche Vorahnung. Als sie versucht die Tür aufzusperren, zittern ihre Hände so stark, dass sie den Schlüssel nicht ins Schloss bekommt. Frau Rieckhoff muss die Polizei verständigen. Die Beamten sperren auf. In der Wohnung läuft der Fernseher. Davor liegt Erika Pohl. Sie hat einen Schlaganfall gehabt. Ihrer Kleidung nach zu urteilen, muss es bereits am Vorabend passiert sein. „Meine Mutter hat die ganze Nacht dort gelegen. Ich habe sie erst am Vormittag gefunden“, berichtet Frau  Rieckhoff, und fügt noch hinzu: „Leider.“ In den ersten ein, zwei Stunden nach einem Schlaganfall haben Ärzte gute Chancen, die bleibenden Schäden zu minimieren. Wenn aber mehr Zeit vergeht, hat das meist verheerende Auswirkungen. So wie bei Erika Pohl. Nach dem Schlaganfall ringt sie mehrere Tage lang mit dem Tod. Sie stirbt nicht. Aber ihr Leben ist zerstört. Johanna, damals 9 Jahre, versteht anfangs nicht, was mit ihrer geliebten Oma passiert ist. „Ich hab’ gedacht, sie ist ein bisschen krank, wie bei einer Grippe“, erzählt das Mädchen. „Ich hab das nicht als so schlimm empfunden, sondern  gedacht: Das wird schon wieder.“ Auch Johannas Mutter klammert sich anfangs an die Hoffnung, dass die Ärzte ihrer Mutter vielleicht doch noch helfen können. Nach einigen Monaten in einer Rehabilitierungseinrichtung sind sich aber alle hinzugezogenen Ärzte und Spezialisten sicher: Das wird nicht mehr. Frau Pohl wird in ein Pflegeheim  überstellt.

Erika Pohl wird über Nacht zu einem „Schwerstpflegefall“

Seit ihrem Schlaganfall kann Frau Pohl nicht mehr sprechen. Sie kann nicht mehr gehen. Fast ihr gesamter Körper ist gelähmt. Nur den linken Arm kann Frau Pohl bewegen. Sie ist über Nacht zu einem „Schwerstpflegefall“ geworden. Geistig ist Frau Pohl aber voll fit. Sie bekommt alles mit, was man ihr erzählt. Und sie zeigt ihre Emotionen. Als Sibylle Rieckhoff ihrer Mutter nach der Einweisung in das Pflegeheim erzählt, dass sie ihre Wohnung gekündigt hat, beginnt die alte Frau bitterlich zu weinen. „Sie hat sehr gern in ihrer Wohnung gelebt“, erzählt Rieckhoff. „Und sie wusste in diesem Moment wohl auch, dass es kein Zurück mehr geben wird.“ Seit nunmehr fünf Jahren fährt Frau Rieckhoff zwei Mal pro Woche in das Pflegeheim, um ihre Mutter zu besuchen. An zwei anderen Tagen besucht ihre Schwester die Mutter, ein Mal pro Woche fährt eine Tante in das Pflegeheim. Die Besuche zehren an der Substanz. „An vielen Tagen fühle ich mich sehr bedrückt, wenn ich aus dem Pflegeheim nach Hause gehe“, erzählt Frau Rieckhoff. „Das liegt einerseits daran, dass so ein Pflegeheim naturgemäß eher kein fröhlicher Ort ist. Und meine Mutter ...“ Frau Rieckhoff stockt kurz. „Sie hat zwar auch ihre glücklichen Momente.“ In solchen Momenten lächelt Frau Pohl, und ihre Besucher sehen auch in ihren Augen, dass sie sich freut. Aber diese Momente sind vergleichsweise rar. Sehr oft scheint Erika Pohl sehr unglücklich zu sein, große Schmerzen und vermutlich auch Depressionen zu haben. Dann weint sie bitterlich. Oder sie artikuliert ihren Kummer, ihr Leid und ihre Schmerzen mit der einzigen verbalen Kommunikationsform, die ihr geblieben ist: mit Schreien. „Das ist fürchterlich, sie schreit dann wirklich wie ein Tier, ausdauernd und ganz laut“, erzählt Frau Rieckhoff. „Man weiß nie genau, ob sie Schmerzen hat, oder Depressionen. Sicher ist nur, dass sie sich in diesen Momenten absolut nicht wohl fühlt, um das ganz harmlos auszudrücken.“

„Nun lasst mich doch in Ruhe.“

Am Anfang habe ihre Mutter alle Therapien „brav mitgemacht“, erzählt Sibylle Rieckhoff. Nach einigen Monaten hat sie aber die Mitarbeit konsequent verweigert. „Es war, als ob sie sich dazu entschlossen hätte und uns sagen wollte: Nun lasst mich doch endlich in Ruhe.“ Unmittelbar nach dem  Schlaganfall war die Familie naturgemäß sehr froh darüber, dass die Ärzte Frau Pohls Leben gerettet haben. Aber heute, fünf Jahre danach, fragt sich Rieckhoff zuweilen, „ob das wirklich so gut war. Das klingt zwar hart. Aber meine Mutter hat jetzt ein fürchterliches Schicksal, ihr Leben ist eine Riesenqual. Und dieses sehr lange Abschiednehmen ist quälend und deprimierend. Auch für mich.“ Das lange Leiden der Mutter und Oma verlangt allen Beteiligten nicht nur viel Kraft ab. Der Aufenthalt im Pflegeheim kostet die Familie auch Geld: Ein Teil der Kosten wird durch Frau Pohls  Pflegeversicherung, ihre Rente und durch die Rente ihres verstorbenen Gatten gedeckt. Für den Rest müssen Frau Rieckhoff und ihre Schwester mit je 500 Euro pro Monat aufkommen. „Meine Mutter hat vor mehreren Jahren eine großzügige Schenkung an uns gemacht“, erklärt Frau Rieckhoff. „So ist das wenigstens finanziell kein allzu großes Problem.“

Mit Oma ist jetzt alles anders

Johanna liebt ihre Oma immer noch. Auch wenn sich die beiden nicht mehr so oft sehen. „Ich besuche meine Oma etwa ein Mal im Monat“, erzählt Johanna. Dass sie nicht öfter in das Heim fährt, liegt zum einen daran, dass die 14-Jährige in der Schule viel zu tun hat. „Aber ich gehe auch nicht mehr so gerne zu meiner Oma, weil mich das Ganze einfach sehr bedrückt“, gibt Johanna zu. „Oma tut mir leid. Und ich habe ihr gegenüber irgendwie ein Schuldgefühl, kann mir aber nicht erklären, warum.“ Die Zeit vor dem Schlaganfall, als ihre Oma noch gesund war und sie zusammen so viel Spaß gehabt haben, lebt in Johannas Erinnerung weiter. Und vielleicht auch in Omas Erinnerung. Ihr Schicksal ist in Zeiten der High- Tech-Medizin keine  Seltenheit. Und so wie Familie Rieckhoff müssen tausende Familien ihre schwerkranken Eltern und Großeltern jahrelang pflegen – und oft auch jahrelang beim Sterben begleiten. Sibylle Rieckhoff hat ihre Eindrücke in dem sensiblen Kinderbuch "Mit Oma ist jetzt alles anders" verarbeitet. Die Hauptpersonen des Buchs sind Johanna (die im Buch Pauline heißt), und ihre Oma. „Pauline hat die beste Oma der Welt“, heißt es am Anfang. „Da hat sie Glück. Denn Omas kann man sich nicht aussuchen.“ Als auch in dem Buch die Oma plötzlich zum Pflegefall wird, bricht für Pauline eine Welt zusammen. Aber das Kind fängt sich. „Schließlich ist Oma immer noch die beste Oma der Welt. Daran wird nichts und niemand etwas ändern.“ „Viele Kinder müssen damit leben, dass Oma oder Opa plötzlich ‚anders‘ sind“, meint S. Rieckhoff. „Mit dem Buch wollte ich die Aussichtslosigkeit, die so etwas hat, ein bisschen von den Kindern wegnehmen. Natürlich haben wir einiges auch etwas geschönt dargestellt. Schließlich soll das Buch den Kindern ja auch Hoffnung geben." Hoffnung, die in der Realität kaum zu finden ist.

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