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Inzest in Amstetten

Ihr erster Gedanke, als sie vom Horror in Amstetten hörte: „Jetzt haben sie endlich mal einen von der ganz bösen Sorte gekriegt, damit die Welt sieht, wozu Menschen auch heute und hier fähig sind.“ Martha Schalleck, erwachsenes Opfer von sexuellem Missbrauch im Kindesalter, beobachtet die Aufregung über den jahrzehntelangen Inzest und sexuellen Missbrauch in der niederösterreichischen Stadt seit einiger Zeit mit Skepsis. Im BabyExpress verrät die 43-Jährige warum.

Welche Meinung haben Sie von der Berichterstattung zum Fall Amstetten?
Normale Menschen wollen von dem Thema nichts hören, solange bis in der Nachbarschaft etwas passiert oder gar das eigene Kind missbraucht wird. Nur wenn, wie hier, ein dramatischer Fall zufällig ans Tageslicht kommt, ist die Aufregung groß, dann aber nur für kurze Zeit. Nach den Hunderttausenden von Kindern, die jedes Jahr missbraucht werden, wird kaum je gefragt.

In Amstetten wurde angeblich nichts bemerkt.
Dass wie in Amstetten niemand etwas bemerkt haben will, ist häufig der Fall. Ein sympathisches Auftreten der Täter reicht bereits aus, um die Bereitschaft,
genauer hinzuschauen und nachzufragen, wie es den Kindern in ihrem Umfeld geht, gegen null gehen zu lassen.

Also gibt es doch aufmerksame Menschen?
Ich habe festgestellt, dass viele Menschen sehr wohl hinsehen, Auffälligkeiten entdecken und gerne helfen würden. Doch sie machen fast immer Fehler, für die das betroffene Kind bezahlen muss. Leicht unterschätzt man die Gewaltbereitschaft der Täter und ihren Einfluss auf die Kinder und auf andere
Personen. Der erste Schritt bei einem Verdacht ist deshalb immer der zu einer auf sexuellen Missbrauch spezialisierten Beratungsstelle. Leider gibt es
auch Menschen die das Gefühl haben, sie dürften nicht hinsehen, das Hinsehen an sich wäre unanständig. und käme einer Vorverurteilung von harmlosen
Menschen gleich. Hier muss gelten: Es geht gar nicht darum, Täter zu identifizieren. Es geht einzig darum, ob ein Kind Hilfe braucht. Und das kann jeder
erkennen, der seinen Gefühlen traut.

Glauben Sie, dass die Frau des Täters tatsächlich nichts mitbekommen hat?
Das sagt sie. Sollte es wirklich so sein, dann ist der einzig für mich erklärbare Grund jener, dass sie in der Kindheit selbst missbraucht wurde. Viele Menschen, die als Kinder missbraucht wurden, erinnern sich nicht mehr daran, haben den Schrecken aber nicht verarbeitet. Und genau diese Menschen – vor allem Mütter – sind es, die auf ihre Kinder am schlechtesten aufpassen. So war es auch bei meiner Mutter. Sie behauptete, nie etwas von den Übergriffen auf mich mitbekommen zu haben und hat damit ihre eigene negative Vergangenheit verdrängt. Viel später stellte sich heraus, dass sie als Kind von ihrem Onkel missbraucht wurde.

Kann man seiner Mutter so etwas je verzeihen?
Ja. Wenn man versteht, wie so etwas zustande kommt. Dann ist verzeihen möglich.

Erzählen Sie kurz über Ihre Situation als Kind ...
Zwischen drei und zwölf Jahren wurde ich von meinem engsten Familienangehörigen schwerst sexuell missbraucht. Er kam in der Nacht, wenn alle  schliefen. Die nächsten Angehörigen haben weggesehen, es nicht wahrhaben wollen. Meine Familie hat sich damals aufgespalten in die, die mir glaubten und jene, die mir nicht glauben wollten. Für alle, die nicht direkt involviert waren, war es noch schwerer, mir zu glauben.

Haben Sie rechtliche Schritte unternommen?
Als ich dazu in der Lage war, war mein Fall schon verjährt.

Kann man sich mit einem Opferschicksal abfinden?
Es hat bei mir Jahre gedauert, und ich habe sehr viel Hilfe gebraucht. Im Teenager-Alter hat mein Bruder ihn zur Rede gestellt. Er hat, wie immer, alles abgestritten.

Fällt es Ihnen schwer eine Partnerschaft zu leben?
Es hat lange gedauert, bis ich dazu bereit war. Aber seit zehn Jahren habe ich einen verständnisvollen Partner. Bei Intimitäten gibt es aber auch heute noch immer wieder Probleme.

Der BabyExpress setzt sich seit Jahren für höhere Strafen bei Gewalt gegen Kinder ein. Was halten Sie davon?
Die Täter für immer wegsperren wäre okay. Aber das wird es leider niemals geben. Deshalb geht die Hoffnung, diese Täter durch Strafe zu bessern, bei mir gegen null. Diese Menschen haben einen so tief verwurzelten Trieb und so starke Persönlichkeitsdefizite, dass sie sich im Gefängnis kaum bessern. Im Gegenteil. Die kommen schlimmer raus, als sie eingeliefert wurden. Für mich ist Therapie das Mittel der Wahl. Den Tätern muss Hilfe angeboten werden. Leider gibt es in diesem Bereich zu wenig Angebote.

Viele Menschen meinen, es sollte mehr für die Opfer als für die Täter getan werden.
Da stimme ich Ihnen zu, aber wir dürfen trotzdem nicht vergessen, dass ein einziger Täter ausreicht, um unzählige Kinder zu ruinieren. Deshalb müssen Triebtäter behandelt werden. Egal was es kostet. Es gibt heute z.B. keine Behandlungsangebote für Täter mit dissoziativen Störungen. Nicht einmal diagnostisch wird dieses bei Tätern häufige Störungsbild abgeklärt. In der Folge bringen Therapeuten den Tätern allenfalls bei, wie sie bei Gutachtern den Eindruck erwecken können, sie seien geheilt, denn diese Störung spricht nur auf eine gezielte Behandlung an. Auch Tests auf Psychopathie werden kaum je durchgeführt, obwohl ein guter Teil der Täter daran leidet. Psychopathen aber sind überhaupt nicht therapierbar, dafür umso besser im Täuschen! Zudem ist es unerlässlich, Opfer möglichst frühzeitig zu erkennen und ihnen Hilfe anzubieten. Ohne Therapie wird jedes 10. Opfer zum Täter.

Das klingt nach Verständnis für die Täter?
Ich verstehe Täter mittlerweile ziemlich gut, auch deshalb, weil ich im Laufe meiner Therapie selbst Täteranteile in mir erkennen musste. Im Augenblick des Missbrauchs, wenn man ausgeliefert ist, rettet sich das kindliche Gehirn, indem es mit dem Täter mitfühlt. Diese Leistung wird möglich dank unserer Spiegelneuronen. Man erfährt, wie es ist, Täter zu sein und nimmt so die eigenen Schmerzen und Ängste nicht mehr wahr. Ob das Opfer später dann selbst aktiv zum Täter wird, hängt von vielen anderen Faktoren ab. Insofern kann ich die Entwicklung zum Täter gut verstehen. Aber verstehen heißt nicht tolerieren. Kein einziger Missbrauch ist entschuldbar.

Wie geht es Ihnen als ehemaliges Opfer, wenn Sie mit Medienberichten über Kindesmissbrauch konfrontiert werden?
Wenn ich in den Medien all das von den Tätern höre, was ich an Vertuschung, Verleumdung und an Diffamierung von Opfern kenne, dann geht es mir schlecht. Heute bin ich hauptsächlich wütend.

Wie gefährdet sind unsere Kinder?
Die Gefahren im engsten Umfeld, auch für die eigenen Kinder, werden häufig unterschätzt. Die Menschen wissen einfach nicht, dass sie es selbst sind, die Kinder schützen können und müssen, jeder Einzelne, und dass man dazu einfach einiges wissen muss.

Grundwissen für die Eltern

A. PRÄVENTION
Sie können vieles tun, das Ihren Kindern außerdem ganz nebenbei hilft, im alltäglichen Leben besser klarzukommen.
I. Die wichtigsten Botschaften im täglichen Umgang: Wir lieben dich über alles in der Welt (gegen die häufige Tätersuggestion: Deine Eltern haben dich nicht wirklich lieb). Niemand darf dich an deinen intimen Stellen anschauen, berühren oder küssen. Wenn doch, sag es uns gleich. Es ist egal, was du gemacht hast, wir sind immer dafür da, dir zu helfen. Darauf kannst du dich 100-prozentig verlassen. Wir interessieren uns sehr für deine Sehnsüchte, deine Sorgen und Probleme und nehmen sie ernst. Wenn du unter etwas leidest, ist es kein „Petzen“, kein Verrat und kein schlechtes Reden über andere, wenn du es uns sagst. Es ist immer richtig zu erzählen, wenn es einem mit etwas nicht gut geht. Du darfst zu Erwachsenen „nein“ sagen, auch dann noch, wenn du zuerst vielleicht „ja“ gesagt hast.
II. Sexualaufklärung: Es ist hilfreich, wenn Kinder frühzeitig Geschlechtsorgane benennen können und über die grundlegenden Funktionen Bescheid wissen.
III. Aufklärung über Missbrauch: Kinder sollten anhand von Geschichten lernen, wie Schmeichelei, Betrug, Drohung, Erpressung, Lügen und Ausbeutung
funktionieren und dass sie sich, wenn sie in eine solche Lage geraten, ebenfalls immer an die Eltern wenden. Man kann (muss aber nicht) auch erwähnen, dass manche Kinder und Erwachsene solche Strategien einsetzen, um sich Kindern sexuell zu nähern.
IV. Training:  Kinder sollten lernen, sich den Verführungen fremder Erwachsener zu verweigern. Das ist eine sehr schwierige Aufgabe für sie. Aufklärung und Einschärfungen nützen daher wenig, sondern es sind spezialisierte Kurse erforderlich. Eltern sind gefragt, solche Kurse in Kindergärten und Schulen anzuregen.
V. Grenzen der Prävention: Täter verfolgen genau, was Kindern beigebracht wird und passen ihre Tricks entsprechend an. So erklären sie ihnen heute beispielsweise, dass aus einem anfänglichen „Nein“ manchmal auch ein „Ja“ werden könne. Wirkliche Sicherheit für Kinder können wir nur erreichen, wenn weit mehr als bisher auf breiter Basis unternommen wird. Die Eltern müssten sich solidarisieren, um mehr und bessere Maßnahmen zum Schutz der Kinder zu verlangen. Und sie müssten sich zuallererst selbst umfassend informieren, denn es kursieren viele falsche Vorstellungen über dieses Thema.
Es gibt derzeit keine offiziellen Stellen, die über das Fachwissen verfügen.

B. WER SIND DIE TÄTER?
Jeder, der Umgang mit Kindern hat, kann Kinder missbrauchen. Auch Frauen, Kinder, Jugendliche, Babysitter, Pfarrer, Betreuer, Nachbarn, Verwandte, Busfahrer, Trainer, Bademeister ... Die Mehrheit der Täter ist sympathisch und hilfsbereit, besonders nett zu Kindern, besonders freundlich zu Erwachsenen, besonders konfliktscheu. Sie können sozial und beruflich erfolgreich sein und führen ein perfektes Doppelleben. Aufgrund des mangelnden Unrechtsbewusstseins der Täter werden Sie vergeblich nach Zeichen schlechten Gewissens suchen.

C. ANZEICHEN FÜR MISSBRAUCH BEI KINDERN
1. Auffallende Beschäftigung mit Sexualität, Belästigung anderer Kinder oder Erwachsener
2. Rückzug oder auch: extreme Anhänglichkeit
3. Auffallende Aggressivität gegen sich und andere
4. Abrupte Veränderung nach einer Zeit, in der ein Missbrauch hätte stattfinden können; über Nacht zum Problemkind werden
5. drastische Entwicklungsrückschritte

D. WAS TUN BEI EINEM VERDACHT?
1. Trauen Sie Ihrem Bauchgefühl
2. Machen Sie einen Termin für sich (ohne Kind) bei der nächsten Beratungsstelle für sexuellen Missbrauch aus                                                          
3. Die beste Einladung für Kinder über einen eventuellen Missbrauch zu sprechen, ist die allgemeine Aufklärung über Missbrauch. Hier kann altersgerechte Literatur eine große Hilfe sein.
4. Sagen Sie einen einfachen Satz, wie: „Ich habe den Eindruck, du brauchst Hilfe.“
5. Protokollieren Sie alle Vorfälle, Verhalten und Äußerungen des Kindes genau, zusammen mit Ihren Fragen.

E. DIE HÄUFIGSTEN FEHLER VERMEIDEN
Panik und Aktionismus schaden dem Kind. Einzig Ruhe und bedachtes Vorgehen können ihm helfen. Niemals mutmaßliche Täter (oder deren Familie oder Freunde) ansprechen, es sei denn, Sie können das Kind sofort zuverlässig in Sicherheit bringen. Niemals gleich zu Polizei oder Jugendamt gehen, sondern immer erst zu einer Beratungsstelle und gemeinsam eine Strategie erarbeiten. Befragen Sie das Kind nicht systematisch, sondern überlassen Sie das den ausgebildeten Fachleuten.

Jeder von uns muss die Schwächsten schützen.

Martha Schalleck wurde als Kind jahrelang sexuell missbraucht. Um mit dem Horror der Vergangenheit fertigzuwerden und wieder ein halbwegs normales Leben führen zu können, musste sie lange Zeit therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Heute kann sie über den Schrecken und die Ängste von damals sprechen.

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