Benachteiligt

Liebling kann's nur einen geben

Im Schatten der perfekten großen Schwester

Jessica Simpson, geboren 1980, war bereits in ihrer Familie ein allseits bewunderter „Superstar“, ehe sie als Schauspielerin und Popsängerin (u. a. mit dem Album „A Public Affair“) Erfolge feierte. „Jessica war immer der Star der Familie,“ meint Simpsons „kleine“ Schwester Ashlee, geboren 1984. „Sie war einfach perfekt und ich konnte nie an sie heranreichen.“ Doch Ashlee hat sich nicht entmutigen lassen, und ihrerseits Erfolge als Sängerin und Schauspielerin gefeiert – unter anderem mit dem programmatisch mit „I am me“ betitelten Album, aber auch mit dem Song „Shadow“, in dem sie ihre Beziehung zu Jessica verarbeitet. Eines ihrer Erfolgsrezepte: „Ich habe die besondere Position, die Jessica in unserer Familie immer hatte, akzeptiert und bin dadurch stärker geworden.“

Welches von Ihren Kindern ist eigentlich Ihr Lieblingskind?“ Werden Eltern mit dieser Frage konfrontiert, reagieren Sie in der Regel mit einer Mischung aus Erstaunen und Empörung. Schließlich beinhaltet besagte Frage ja einen ungeheuerlichen Verdacht: Nämlich jenen, dass man eines seiner Kinder dem beziehungsweise den anderen vorzieht, dass man es besser behandelt, intensiver fördert, ja womöglich sogar mehr liebt. Und das alles darf doch nicht sein. Oder?

Anno dazumals: Bevorzugung aus Tradition

Früher durfte es sein. Es geschah sogar mit System. In hierarchischen, vom Adel geprägten Gesellschaften war der – und zwar wirklich nur „der“ – Erstgeborene immer der Bevorzugte. Vorausgesetzt, er brachte gute Chancen mit auf die Welt, seine ersten Lebensjahre zu überstehen. „Eine Ehefrau im
Mittelalter hat durchschnittlich 12 Kinder bekommen,“ erklärt der Erziehungswissenschafter Dr. Robert Hutterer, „und die Hälfte dieser Kinder ist früh verstorben. Da hat man die Zuwendung, die emotionale Investition in ein Kind auch daran bemessen, welche Überlebenschancen es hatte.“ Aus heutiger
Sicht wirkt das relativ brutal. Schließlich basiert unsere Gesellschaft auf einem durch den Humanismus geprägten Weltbild, in dem die Gleichberechtigung einen relativ großen Stellenwert innehat. Theoretisch zumindest. Das zeigt sich auch in den kleinsten sozialen Verbänden, den Familien. „Das Bemühen, alle Kinder gleich zu behandeln, ist in Österreich etwa ab der Mitte des 20. Jahrhunderts ‚modern‘ geworden,“ meint Hutterer. Ein Bemühen, das allerdings zum Scheitern verurteilt ist.

Wer einer Illusion hinterher jagt, schafft sich Probleme

„Es ist ein nobler, nachvollziehbarer Wunsch, dass Eltern ihre Kinder alle gleich lieben und gleich behandeln wollen,“ sagt Univ.-Prof. Dr. Wilfried Datler, Spezialist für psychoanalytische Pädagogik. „Es ist aber nicht möglich. Vielmehr ist es so: Alle Eltern entwickeln zu ihren Kindern, aber auch die Kinder zu ihren Eltern – innerhalb ein und derselben Familie – höchst individuelle Beziehungen.“ Das Bewusstsein für diese Einzigartigkeit jeder Eltern- Kind-Beziehung kann für das Familienklima ein enorm wichtiger Parameter sein. „Man muss sich klar werden, dass man allen Kindern gegenüber immer in irgendeiner Weise ungerecht ist,“ meint Datler. „Wenn Eltern nämlich tatsächlich die Fantasie haben, sie könnten oder sollten alle Kinder gleich behandeln
und in jeder Hinsicht gleich mögen, kann das nur zu immer größeren Komplikationen führen, weil die Eltern das Verlangen haben, etwas zu realisieren, was unrealisierbar ist.“ Fazit: Eltern, die ihren Kindern gegenüber immer wieder betonen, sie „ganz genau gleich lieb“ zu haben und „keinen zu bevorzugen“, geben damit ein Versprechen ab, das sie nicht einhalten können. Damit wird dann ein Thema zum innerfamiliären Dauerbrenner, bei dem es eigentlich nur Verlierer geben kann. Und das tut weh. Woran aber liegt es nun, dass Eltern allen Bemühungen zum Trotz ihre Kinder nicht gleich behandeln können?

Der Einfluss des Unbewussten auf die Beziehungsskala

Es sind viele kleine und große Puzzle-Teile, die schließlich das komplexe Gesamtbild mit dem Titel „Eltern-Kind-Beziehung“ ausmachen. Zum einen gibt es die offensichtlichen Faktoren wie etwa das Aussehen des Kindes, die Art und die Ausprägung verschiedener Talente. Auch das Geschlecht, Charakter und Temperament beeinflussen die Art der Beziehung. Eine mindestens ebenso wichtige Rolle spielen Experten zufolge aber auch mehr oder weniger unbewusste Faktoren. „Kinder werden aus ganz unterschiedlichen Gründen zur Projektionsfläche bewusster und unbewusster Wünsche, von  Zielvorstellungen Ängsten und Fantasien der Eltern,“ meint Dr. Barbara Burian-Langegger, Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde, Psychotherapeutin und Leiterin der Institute für Erziehungshilfe in Wien. „Sowohl in positiver als auch in negativer Weise. Und es sind gerade diese unbewussten Vorgänge,
die zur Bevorzugung oder Benachteiligung eines Kindes in einer Familie führen.“ Beispiel: Papa war ein talentierter Fußballer, die erträumte Profi-Karriere ist sich aber nicht ganz ausgegangen. Nun soll der Sohn den Traum verwirklichen. Papa verbringt viel Zeit mit ihm, sie trainieren zusammen, und reden über jedes Match. Der hoffnungsvolle Nachwuchskicker bekommt also viel Zuwendung, die zum Beispiel der Tochter verwehrt bleibt. Dafür bleiben ihr auch der Druck und die hohen Erwartungen erspart, die eventuell auf dem Sohn lasten.


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