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Amok im Kopf - warum Schüler töten

Experten sind sich einig: Die Täter planen die Gewalttat lange im Voraus und kündigen das Verbrechen oftmals an. Die Gesellschaft ist gefordert, die Signale zu erkennen und richtig zu deuten.

„Ich habe ihn in der 8. Klasse selbst unterrichtet und ihn immer als angenehme Erscheinung in Erinnerung. Er hat zuletzt auch immer gegrüßt, wenn man ihn traf. Unsere Aula ist ein Kommunikationszentrum. Da saß er oft für sich, aber er war nicht ausgegrenzt oder ohne Kontakte zu anderen. Ein Einzelgänger, aber nicht unbedingt ein Außenseiter. Er spielte im Schultheater mit und war da anerkannt. Man erzählt sich, er hätte in Diskussionen zuweilen seltsame und abstruse Ansichten vertreten, Meinungen, die abseits lagen. Auch von angeblichen Problemen mit Mädchen ist die Rede. Manche sagen, er sei nicht gerne in die Schule gegangen. Aber das tun andere auch nicht, ohne deshalb Amok zu laufen. Für mich erklärt mir das die Tat nicht. Irgendetwas muss in seinem Leben passiert sein, von dem wir alle nichts wissen und das ihn völlig aus der Bahn geworfen hat.“ Dass sagte der Direktor einer deutschen Schule, nachdem ein Schüler mit Axt und Molotow-Cocktails bewaffnet die Klasse stürmte und ein Mädchen mit der archaischen Waffe lebensgefährlich verletzte.

Verschiedene Täter-Typen

Aber was wissen wir von den Tätern? Die Berichterstattung verblasst nach einigen Wochen. Wir kennen die Tat, den Tathergang, aber nicht, was im Kopf des Amokläufers vorgegangen ist. Der amerikanische Psychologe Peter Langman – er hat über 20 Jahre hinweg Amokläufe an Schulen untersucht – befasst sich in seinem neuen Buch „Amok im Kopf – warum Schüler töten“ mit der Frage, wie Amokläufer zu erkennen sind. Langman beobachtet akribisch das Leben auffälliger Jugendlicher. Wenn ein Teenager androht, seine Klasse zu vernichten, wird er gerufen um ein Gutachten zu erstellen und zu begründen, wie ernst die Drohungen genommen werden müssen. Nun befasst er sich für sein Buch mit zehn Amokläufer und suchte nach Ähnlichkeiten. Langmann kommt zur Auffassung, dass übermäßiger Medienkonsum und Gewaltvideos zu Gewalt führen können, doch diese Faktoren sind für ihn kein hinreichender Grund, die Taten zu erklären. Er ist davon überzeugt, dass immer auch eine psychische Erkrankung Auslöser für einen Amoklauf ist. „Ohne psychische Erkrankung macht jemand so etwas nicht“, so Langman. Er legte drei Täter-Typen fest: Jugendliche mit schizophrenen Störungen (sie hören Stimmen, handeln auf Befehl) – fünf von zehn Täter hatten dieses Krankheitsbild. Traumatisierte Typen: In der Kindheit wurden sie schwer missbraucht, in ihren Familien spielte Gewalt eine große Rolle. „Diese Kinder fühlen sich ein Leben lang bedroht und drehen einmal im Leben den Spieß um.“ Und dann ist da noch der psychopathische Typ:  „Die Täter sind  die extrem narzistisch, fühlen sich allen überlegen. Sie verfügen über keinerlei Empathie, haben schon als Kinder Tiere gequält haben. Sie haben Spaß und Freude am Leiden anderer.“ Das gefährliche an diesen Tätern ist, dass sie in der Lage sind, ihre Umwelt komplett zu täuschen. Sie sind äußerst freundlich und angepasst. In der Jugend leben sie die Gewaltfantasie am Computer aus. Langman kommt zum Schluss, dass alle Täter eine extreme Wut auszeichnet. Zu Wut kommen Depressionen und Suizidneigungen. Auch die männliche Aggressionsbereitschaft spiel eine große Rolle bei Amokläufen, es gibt eigentlich kaum Frauen, die zu solchen Taten fähig sind. Durch die Herausarbeitung der verschiedenen Typen können nun erstmals sinnvolle Präventionsmöglichkeiten geschaffen werden. Langmann appelliert: „Hört auf die Kinder. Übergeht sie nicht. Alle Typen fallen auf. Es bringt nichts, die Schulen mit Sicherheitsmaßnahmen zu Festungen zu machen – Lehrer, Mitschüler und Eltern müssen reagieren, wenn jemand bizarre Ideen äußert. Sensibilität ist die Präventionsmethode Nummer eins.“

Amokläufer sind Einzeltäter

„Es sind grundsätzlich Einzeltäter, die Tat geschieht anscheinend wahllos und ungezielt. Es werden Waffen und Werkzeuge eingesetzt und es wird eine nicht abschätzbare Zahl von Menschen verletzt und getötet. Der Täter rechnet selbst damit, nicht zu überleben. Es scheint, dass ein persönlichkeitsgestörter Täter wahllos und blindwütig Menschen am Tatort töten. Demnach sind wir zum Schluss kommen, Amokläufe an Schulen lassen sich nicht verhindern. Langman lässt uns diese Annahme neu überdenken“, so Prof. Klaus Hurrelmann, einer der bekanntesten deutschen Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler, Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin und Experte zum Thema Gewalt an Schulen. Die Zahl der Tötungsdelikte geht zurück, doch Amokläufe an Schulen nehmen zu. „Seit 1974 gibt es etwa 100 Fälle. Viele davon passierten jedoch erst in den letzten Jahren, das heißt, die Zahlen sind explodiert“, weiß Hurlemann. Das bedeutet, dass Schulen genauer betrachtet werden müssen. Sind sie der Auslöser? Sind sie Kränkungsstätten?

Amokläufe sind vorhersehbar

Die Opfer sind zu 35 Prozent Schüler, zu 25 Prozent Schulpersonal. Die Täter sind Männer um die 15 Jahre. Die Taten enden zu 75 Prozent mit Festnahmen, zu 20 Prozent mit Selbsttötung, 2 bis 3 Prozent durch Erschießung des Täters. „Es lässt sich leider nicht erklären, warum gestörte Menschen durchdrehen. Es laufen immer mehr gestörte Menschen herum, doch diese sind nicht unbedingt potentielle Mörder. Es muss eine Situation entstehen, eine Umwelt muss da sein, welche die Persönlichkeit zur Zerstörung bringt“, so der Experte. Die Störung mag angeboren sein, doch ob tatsächlich etwas passiert hängt von bestimmten Faktoren ab. Man kann sagen: Eine gestörte Persönlichkeit und eine gestörte Umwelt können ein gefährliches Gemisch sein. Wenn der Täter dann auch noch eine Waffe in die Hand bekommt, dann ist ein Amoklauf nicht ausgeschlossen. Aber wie sind Täter zu erkennen? „Sie haben keine Selbstkontrolle, suchen einen Kontrollausgleich. Sie interessieren sich für gewalttätige Mustern und Rollen und für Vorgängertaten. Es kommt meist noch ein Auslöser dazu (langjährige Kränkung, Ausweglosigkeit,...). Alle Kontrollsicherungen brennen durch – selbst Psychologen können den Zeitpunkt nicht exakt vorhersehen. Die Analysen zeigen jedoch, dass all Täter die Tat lange vorbereitet haben. „Das ist ein wichtiges Ergebnis, der Anknüpfungspunkt für Vorbeugung. Der Amoklauf ist das Ende einer langen Handlungskette“, sagt Hurrelmann. Amokläufe sind demnach doch vorhersehbar. Man kann Spuren lesen, muss dabei jedoch alle Stereotype vergessen (Einzelgänger, Sonderling, etc...) denn Verallgemeinerungen bringen wenig.

Täter bereiten sich lange vor

„Es hätte nur mal jemand mit mir reden müssen, dann wäre ich aus der Situation herausgekommen“ – so ein US-Jugendlicher, bei dem ein Amoklauf verhindert werden konnte. „Die Täter bereiten sich sehr lange vor und auf dem Weg zur Tat müssen wir nach Spuren suchen“, empfiehlt der Wissenschafter. Rebecca Bondü, Diplom-Psychologin, die sich mit der Prävention von schwerer zielgerichteter Schulgewalt, wie School Shootings und Amokläufen an Schulen beschäftigt, ist ähnlicher Meinung. „Wir sollten versuchen zu verhindern, dass es zur Tat kommt. Deshalb müssen wir früher ansetzen und uns auf die Tatankündigung konzentrieren. Viele Amokläufer äußern lange vor der Tat, dass sie jemanden töten wollen. Sie verhalten sich auffällig. Interessieren sich für Waffen, das Thema Amoklauf, oder leben eine aufwändige Selbstdarstellung. Diese verhaltensmuster wurden bei allen School Shootern gefunden.“ Die Schule rückt für die Psychologin deshalb ins Zentrum des Interesses, damit rechtzeitig interveniert werden kann. „Viele Personen stehen in der Schule in Kontakt mit Tätern und haben Informationen, die man sich genauer ansehen muss. Wir haben mit Lehrern zusammengearbeitet, sie über diese Ankündigungen informiert und ihnen gesagt, was sie tun können.“ Die Pädagogen sind dankbar, fordern aber weitere Unterstützung von Polizei und schulpsychologischem Dienst. Ein Netzwerk gegen School Shooting soll Amokläufe künftig verhindern helfen, in dem Ankündigungen von Schülern, mittels Experten, auf ihre Ernsthaftigkeit eingeschätzt werden sollen. Das Projekt fördert das subjektive Schutzgefühl von Lehrern und Schülern, anderseits stärkt es objektiv die Sicherheit and den Schulen. Wichtig: Lehrer sollen Schüler nicht als potentielle Täter sehen, sondern ihnen Schutz und Unterstützung anbieten. Der Pschologin ist klar: „Wir werden nie jeden Amoklauf verhindern können, aber vielleicht die Mehrheit der Amokläufe.“



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