Herz

Schmetterlinge im Bauch

Es ist ein Moment, vor dem sich viele Eltern fürchten: Ihr Kind ist zum ersten Mal verliebt, erlebt alle emotionalen Höhen und Tiefen einer Beziehung. Das Alter, in dem der Nachwuchs das erste Mal Schmetterlinge im Bauch hat, variiert dabei stark, denn jedes Kind ist anders. Nur eine Gemeinsamkeit lässt sich feststellen: Das Interesse für das andere Geschlecht entwickelt sich nicht von einem Tag auf den anderen, sondern langsam. Doch irgendwann ist es soweit, dass Kind kommt mit strahlendem Gesicht und Herzklopfen nach Hause, erzählt von einem netten Schulkollegen oder einer lieben Freundin. Die meisten Eltern wissen sofort Bescheid, wenn ihr Kind verliebt ist. Leider verhalten sie sich nicht immer richtig, obwohl sich ihr Kind in einer  körperlichen und geistigen Ausnahmesituation befindet. Psychiater der Universität Bern sind sogar der Meinung, dass die erste Liebe als ein    psychopathologisches Stadium betrachtet werden muss. Sie ziehen den Vergleich mit einer Hypomanie. Einer Studie zufolge schlafen Jungverliebte täglich 60 Minuten weniger als von Gefühlen unbeeinflusste Jugendliche. Außerdem neigen sie zu zwanghaften Handlungen, die kreative Energie steigert sich merklich. Wie sollten sich Erwachsene in dieser Situation verhalten? „Liebe und Treue in Beziehungen stellen für die Jugendlichen von heute einen hohen Wert dar. Prinzipiell ist es sehr wichtig, dem Kind oder Jugendlichen als Elternteil eine vertrauensvolle Gesprächsbasis in einer angenehmen und ruhigen Atmosphäre anzubieten“, sagt Mag. Katharina Kopf von der Praxis für Kinder- und Jugendpsychologie. Dies sollte, wenn möglich, nicht Aufgabe nur eines Elternteiles sein, denn beide Eltern können in ein solches Gespräch unterschiedliche Aspekte einbringen. Eltern sollten zuhören, Interesse und Verständnis zeigen, ohne das Gefühl zu vermitteln, aushören oder ausfragen zu wollen. Wichtig sei vor allem ein sensibler und offener Umgang mit seelischen und körperlichen Befindlichkeiten, der gerade bei der Thematik der ersten Liebe die Voraussetzung dafür schafft, dass das Kind oder der Jugendliche sich bei Schwierigkeiten oder Problemen den Eltern öffnet. „Eltern sollten bereit sein, auch eigene Erfahrungen wie beispielsweise eigene positive Gefühle in Zusammenhang mit der (ersten) Liebe, aber auch den eigenen Umgang mit Enttäuschungen und Liebeskummer in dieses Gespräch einzubringen. Wichtig ist es jedoch, die Jugendzeit der Eltern nicht eins zu eins mit der heutigen Jugendkultur gleichzusetzen“, so Kopf. Für die  Erwachsenen gilt es dann, sensibel zu sein, um nicht „besserwisserisch“ zu wirken. Natürlich sollten eigene Ängste und Bedenken auch von Seiten der Eltern offen angesprochen werden. „Informationen über Sexualität, Verhütung, sexuell übertragbare Krankheiten und den richtigen Gebrauch von Kondomen sollten von den Eltern aus eigener Scham in einem solchen Gespräch nicht ausgeklammert werden.“

Keine unnötigen Belehrungen

Wenn ein Kind oder Jugendlicher verliebt ist, sollten Eltern sich mit Belehrungen, Diskussionen und „weisen Ratschlägen“ zurückhalten, sondern vielmehr Verständnis signalisieren. Am besten gelingt dies, wenn man sich an die eigenen Erfahrungen und Gefühle in dieser Zeit zurückerinnert. „Wichtig ist es, das Kind oder den Jugendlichen nicht mit Fragen zu ‚nerven‘, nicht überall ‚seinen Senf‘ dazuzugeben und nicht zu drängen, um die eigene Neugier zu befriedigen“, weiß die Psychologin. Wenn ein Kind oder Jugendlicher sich einem Elternteil geöffnet hat, solle man dieses Vertrauen nicht missbrauchen, indem man etwa den Heranwachsenden mit seinen Gefühlen vor Bekannten oder Verwandten bloßstellt. All dies kann dazu führen, dass das Kind sich verschließt und die Eltern ablehnt. Wenn keine Gefahr im Verzug ist, sollten Eltern auch die Partnerwahl nicht mit entscheiden und Liebe verbieten wollen. Dies führt dann oft nur dazu, dass Treffen heimlich stattfinden, was die Distanz zwischen Eltern und Kind verstärkt.

Nicht alles tolerieren

Eltern sollten ihre Bedenken klar äußern, jedoch in einem Ton, der keine Ablehnung signalisiert. Anstatt zu kritisieren, ist es wesentlich sinnvoller, sachliche Fragen zu stellen. Experten raten dazu, sich Zeit für das Kind zu nehmen, ausführlich miteinander zu sprechen und klare Regeln aufzustellen. Dabei sollten die Erwachsenen niemals vergessen, dass Kinder oder Jugendliche ihre erste Liebe sehr ernst nehmen. Sätze wie „Das wird bestimmt nicht dein letzter Freund sein“ schmerzen und können die Beziehung zum Kind nachhaltig schädigen. Sollte das Kind unter Liebeskummer leiden, dann ist besonders viel Einfühlungsvermögen gefragt. Eltern sollten sich immer daran zurückerinnern, wie sie sich in so einer Situation gefühlt haben und wie sie gerne von ihren Eltern behandelt worden wären. Denn auch wenn sich die Moden mit der Zeit geändert haben, unsere Gefühle sind seit Tausenden Jahren gleich geblieben.

Die erste Liebe will sich ausbreiten dürfen

Interview mit Dr. Matthias Herzog, Klinischer Psychologe & Psychotherapeut, Universität Wien

Wie sollen sich Eltern verhalten, wenn sie erfahren, dass ihr Kind zum ersten Mal verliebt ist?
Es macht einen Unterschied, in welcher Form Eltern über die erste Liebe erfahren. Im besten Fall erzählt ihnen ihr Kind darüber und sie freuen sich. Jedenfalls ist es geschickt, sich zu überlegen, was diese Gefühlsflut für das Kind bedeutet, also von der gewohnten Erwachsenenlogik Abstand zu  nehmen. Wichtig: Mit 13 verliebt man sich anders, als mit 25 oder gar 45 Lebensjahren. Man kommt rasch auf die richtige gedankliche Ebene, wenn man sich an seine eigene „erste Liebe“ erinnert und sich überlegt, was man von seinen Eltern damals gebraucht hätte. Liebe fällt ja nicht vom Himmel herunter, sondern ist eine Bezeichnung für ein Naheverhältnis, elches man gerne eingehen mag. Die erste Liebe will sich ausbreiten dürfen und nicht  eingeengt sein. Ich rate also von einer belehrenden oder gar warnenden elterlichen Konzepten ab. Besser ist die Haltung, die sich mit „ich bin schon neugierig, wie sich mein Sprössling in diesem Lebensbereich tun wird“ umschreiben lässt. Gemeint ist eine bescheidene Neugier.

Was können Eltern tun, wenn das Kind nicht über seine Emotionen sprechen möchte?
Kinder teilen ihr psychisches Leben nicht so exakt ein, wie das Erwachsene mitunter gerne machen. Sie haben keine Lust über „Emotionen”, „Kognitionen”, „Rollen” zu sprechen. Sie verlieben sich einfach. Dies sollte man akzeptieren. Durch die erste Liebe betreten Kinder Neuland. Auf Neuland schaut man sich meistens selbst einmal um und bespricht es mit „besten Freunden“. Kurz: Vieles klären Kinder mit Gleichaltrigen. Werden Eltern von ihren
Kindern mit ausreichendem Vertrauen wahrgenommen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie miteinbezogen werden. Klarerweise wissen Kinder, dass ihre Eltern Vorahnungen haben und gerne Bescheid wissen wollen. Kinder freuen sich ungemein, wenn sie mit ihren Emotionen und Erfahrungen bei der ersten Liebe auf ihre Eltern zugehen dürfen und nicht umgekehrt.

Sollen Eltern ihre Ängste (z.B. bezüglich sexueller Handlungen) aussprechen?
Häufig haben Eltern auch deswegen Ängste, weil wir in einer Gesellschaftsform leben, in der Medien Angst kommunizieren müssen, um sich selbst zu erhalten. Man sollte sich, bevor man seine Ängste ausspricht, mit befreundeten Eltern austauschen, um herauszufinden, ob es einen realen Boden gibt. Ansonsten besteht die Möglichkeit, dass man seine Ängste überträgt und sein Kind in eine enge Situation hineintreibt. Fast immer laufen Kinofilme über die „erste Liebe“, eine ideale Grundlage für Familiendiskussionen! Übrigens beginnt die psychosexuelle Entwicklung mit der Geburt und nicht mit der Pubertät. Eine gute Eltern-Kind-Beziehung beinhaltet, dass bereits im Vorschulalter Körperlichkeit, Gesundheit, Freundschaft, Liebe und Sexualität kindgerecht thematisiert werden.

Wie schafft man es, eine Vertrauensbasis zum Kind aufzubauen?
Erst durch eine Vertrauensbasis, also durch mehrere Bezugspersonen, entfaltet sich bei jungen Menschen eine innere Landschaft. Heute müssen wir uns
alle mehr innerlich bewegen und brauchen eine große Portion Lebenswachheit. Unser Alltag besteht aus unterschiedlichen Facetten, die sich schwer in Worte fassen lassen, es geht um laufen, ausweichen, sich verstecken, herumliegen oder umdrehen. Wenn junge Menschen gewohnt sind, sich mit nur einer Bezugsperson auseinanderzusetzen, geraten sie leicht auf eine Art Hängebrücke: Auf Hängebrücken kann man gut zu zweit hintereinander hergehen oder harmonisch schwingen. Hängebrücken taugen jedoch nur bedingt für die Vorbereitung auf moderne innere Landschaften, in denen Enttäuschungen vorprogrammiert sind. Spätestens, wenn einer den Kurs wechseln will, wird es auf einer Hängebrücke eng, rasch wird einem mulmig, es gibt wenig Bewegungsraum. Vertrauen schafft man durch Tun. Ein Irrglaube ist, dass man Vertrauen hauptsächlich durch Reden aufbauen kann. Schon im Wort steckt Trauen, also Risiko drin. Als Tipp gilt es, Ihrem Kind Möglichkeiten zu schaffen, in denen es ausprobieren kann. Fehler machen dürfen und sehen, wie Sie als Bezugsperson reagieren. Ziel ist eine sichere Basis zu schaffen, die Kinder einladet, die Basis zu verlassen und über gemachte Erfahrungen zu berichten. Nicht immer einfach und voll von normalen Widersprüchen.

Ab welchem Alter sind Kinder in der Regel das erste Mal verliebt? Täuscht der Eindruck, dass Kinder sich immer früher verlieben?
Nein, der Eindruck täuscht nicht. Menschen verlieben sich früher, wahrscheinlich auch bedingt durch den medialen Druck. Wichtig: Gerade die ersten Liebeserfahrung sollten positiv passieren und ihr Kind stärken. Menschen haben heute ein differenziertes Intimleben. Intimität wird gesellschaftlich beschleunigt. Häufig hoffen Eltern ihre Kinder vor schlechten Erfahrung schützen zu können. Sie vergessen jedoch dabei, dass sie dadurch wichtige Erfahrungsräume verschließen bzw. ersticken. Aus psychologischer Sicht lässt sich Intimität nicht kausal, also 1:1 erlernen. Vielmehr ist Intimität ein spannungsgeladener Raum, in dem es darum geht zu wissen was man will und gleichzeitig auszuprobieren; Freude zu spüren und gleichzeitig Eifersucht auszuhalten, Glück auszustrahlen und gleichzeitig Geheimnisse zu haben.

 

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