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Treiben Modelshows unsere Kinder in den Magerwahn?

Eine Studie untersuchte die Rolle von Fernsehsendungen im Kontext von Essstörungen wie Magersucht und Bulimie aus Sicht der Betroffenen. Die Befragung von 241 jungen Menschen mit Essstörung zeigt: Besonders Germany’s Next Topmodel kann psychosomatische Krankheiten verstärken.

Essstörungen gehören in den westlichen Industrieländern zu den häufigsten psychosomatischen Erkrankungen von Mädchen und jungen Frauen. Das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) befragte in Kooperation mit dem Bundesfachverband Essstörungen e.V. (BFE) 241 junge Menschen zwischen 11 und 21 Jahren mit Essstörungen nach der Rolle von Fernsehsendungen bei der Entwicklung ihrer Krankheit.

TV-Formate spielen eine Rolle

Bei den für die Krankheit bedeutsamen Fernsehsendungen werden vereinzelt Sendungen wie "Extrem Schwer" oder "The Biggest Loser" genannt, die Tipps zum weiteren Abnehmen liefern und gleichzeitig das gute Gefühl geben, nicht ganz der/die Hässlichste zu sein. Eine ähnlichen Funktion übernahm auch "Extrem Schön", wodurch das Gefühl vermittelte wurde, "zumindest schöner als die armen Würstchen in der Sendung zu sein" (19-Jährige, Magersucht). Kochsendungen wie Das perfekte Dinner dienen einigen in Hochphasen der Anorexie dazu, sich zumindest "satt zu sehen". In zwei Fällen ahmten junge Frauen das Verhalten einer an Bulimie erkrankten Person aus der Sendung "Gute Zeiten, schlechte Zeiten (GZSZ)" nach, wodurch sie ebenfalls eine Ess-Brechsucht entwickelten. 

Germany’s Next Topmodel beeinflusst besonders stark

Neben diesen Einzelfällen gab es aber eine Sendung, die in ihrer Bedeutung für die Krankheit qualitativ und quantitativ alle anderen bei Weitem übertraf: "Germany´s Next Topmodel (GNTM)". Meist fand der Einstieg in die Sendung bereits vor der Pubertät statt, einige Befragte sahen sie seit der Grundschule. Fast ein Drittel der Befragten, vor allem die jüngeren Mädchen, geben an, GNTM hätte einen "sehr starken Einfluss" auf ihre eigene Essstörung gehabt. Ein weiteres Drittel sieht zumindest einen "leichten Einfluss" der Sendung auf ihre Krankheit. Ein Großteil der hier Antwortenden (85 %) stimmt der Aussage zu, dass GNTM Essstörungen verstärken kann. Anhand der qualitativen Aussagen werden die Hintergründe hierfür gut nachvollziehbar.

GNTM stellt Aussehen und Körper in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Die meist sehr schlanken Kandidatinnen mit einer Mindestgröße von 1,72 m bei maximaler Kleidergröße von 36 werden nicht nur zum Ideal von Schönheit und Erfolg erhoben, sie scheinen als Normalfall, wie ein Mädchen heute auszusehen hat. Es entsteht „das Gefühl, es gibt so viele tolle, dünne, disziplinierte Mädchen, die damit etwas erreichen und vor allem toll aussehen!“ (17-Jährige, Magersucht). Es kommt zu Vergleichsprozessen, bei denen völlig übersehen wird, dass es sich hier um absolute Ausnahmeerscheinungen in Körperstatur und Gesichtszügen handelt. Werden die Kandidatinnen in GNTM wegen ihres Körpers kritisiert, fühlen sich die Mädchen vor dem Fernseher in ihrer überkritischen Haltung zum eigenen Körper bestärkt und versuchen, ihr Gewicht weiter zu reduzieren. Einige Mädchen beschreiben explizit, wie sie sich immer wieder mit diesen Ausnahmekörpern verglichen haben „und so hat auch ein Teil meiner Krankheit angefangen.“ (14-Jährige mit Magersucht).

Bedingungslose Anpassung und Verdrängung der Gefühle

Die besondere Wirksamkeit der Sendung für Mädchen mit Prädisposition für Essstörungen liegt noch auf einer tieferen Ebene. Denn die Hintergründe für die Krankheit sind ausgesprochen komplex. Zumeist sind es tiefe Identitätskrisen, denen sich die Betroffenen nicht gewachsen fühlen. Um das Gefühl der Handlungsfähigkeit aufrechtzuerhalten, wird die Wahrnehmung von den inneren Welten auf den äußeren Körper und die „Essensbühne“ verlagert. Es entsteht ein Teufelskreis, aus dem sich die Betroffenen selbst nicht mehr befreien können. GNTM folgt einem ganz ähnlichen Grundprinzip: der Trennung von Gefühlen, Körperwahrnehmung und Handeln. Jede neue „Challenge“, jede Gestaltung des eigenen Körpers durch Fremde ist voller Begeisterung anzugehen. Die Kandidatinnen müssen alles „für den Kunden“ bzw. Heidi Klum geben. Empfindungen wie Müdigkeit und Kälte oder Gefühle wie Scham, Ekel, Wut oder Angst müssen unterdrückt werden. Bei mindestens 70 der befragten 241 Mädchen und jungen Frauen führte dieses Zusammenspiel aus für sie unerreichbaren Normen, Vergleichsprozessen, der propagierten Idealisierung der bedingungslosen Anpassung und notwendigen Distanzierung von den eigenen Gefühlen in die Mager- oder Ess-Brech-Sucht.

Konsequenzen gefordert

Als Konsequenzen fordern die Betroffenen selbst eine Erweiterung des Körperbildes in den Medien, die Einführung eines Mindest-BMI für Models und SchauspielerInnen sowie die Abschaffung von „Size Zero“. Das Wichtigste bringt eine 18-Jährige, die an Magersucht erkrankt ist, auf den Punkt: „Hört auf zu propagieren, dass es ,normalʼ sei, wie Models aussehen, und jeder mit mehr Gewicht nicht den gesellschaftlichen Normen entspricht, denn es sollte andersherum sein.“

Sigrid Borse und Andreas Schnebel vom Bundesfachverband Essstörungen e.V. fordern mehr Aufklärung über die Krankheit. Studienleiterin Dr. Maya Götz betont die Wichtigkeit der Sensibilisierung von Medienschaffenden: „Wir brauchen dringend eine Erweiterung der medialen Bilderwelten und mehr Achtsamkeit beim Umgang mit jungen Frauen vor der Kamera. Werden sie auf ihren Körper reduziert und in diesem hochsensiblen Bereich kritisiert, kann es nicht nur für die Akteurinnen, sondern auch für junge Frauen vor dem Fernseher fatale Folgen haben.“

Weitere Informationen

Die Studie wird zum ersten Mal auf der Mitgliederversammlung des Bundesfachverbands

Essstörungen e.V. (BFE) am 9. Mai in München vorgestellt. Weitere Informationen: www.izi.de. Hier finden Sie weitere Tipps zum Umgang mit Castingshows und ein Interview mit Maya Götz.

Foto/Quelle: Pro 7/ schau hin

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