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drogen

Haschisch? Koks? Heroin?

Ein Freund, der einen Joint dreht. Eine Discobekanntschaft, die bunte Tabletten gegen Bier tauscht. Das Partygirl, das zu später Stunde weißes Pulver auf den Tisch legt und zu einer Line zusammenschiebt. Die ersten Kontakte mit illegalen Drogen finden meist heimlich und in mehr oder weniger vertrauter Umgebung statt. Wer dabei zu oft „Ja“ sagt, riskiert den Absturz in die Sucht.

Im Herzen der österreichischen Drogenszene

Wien, Karlsplatz: Der zentrale U-Bahnknoten im Herzen Wiens wird nicht nur von Geschäftsleuten, Pendlern, Touristen, Shopping- Fans und  Opernliebhabern stark frequentiert. Hier ist seit Jahren auch eines der größten und bekanntesten Zentren der illegalen Drogen-Szene. Dutzende Süchtige warten in der Passage auf ihre Dealer, auf Kundschaft oder auf Szene-Bekanntschaften. Am „Koarlsploz“ wird „Wienerisch“ gesprochen, auch „gebrochenes Deutsch“, steirische, burgenländische, und westösterreichische Dialekte sind hier zu hören. Viele „Drogenkarrieren“, die irgendwo in der österreichischen Provinz beginnen und sich zur schweren Sucht auswachsen, gehen hier in die nächste Runde. Und zwar nicht mehr heimlich, sondern vor den Augen der Gesellschaft. Jugendliche lehnen zugedröhnt an der Wand. Ein bleicher junger Mann zittert heftig. Ein etwa 50-Jähriger torkelt mit seligem Grinsen und geweiteten Augen umher. Er schaut ein bisschen wie Keith Richards aus. Keith Richards, wenn er weniger Glück gehabt hätte und anstatt bei den Rolling Stones zu landen auf einem Trip hängen geblieben wäre. Die meisten Passanten, die hier vorbeikommen, scheinen nicht recht zu wissen, wohin sie angesichts des gespenstischen Treibens schauen sollen. Einige starren zu Boden, als könnten sie sich dadurch gegen das Elend abschotten. Andere schauen durch die Süchtigen hindurch, als ob diese für sie nicht existent wären. Zwei Männer in Anzügen gehen plaudernd durch die Passage. „Wenn deine Kinder hier enden“, sagt der eine, „muss das der ärgste Alptraum sein.“ „Das kann nicht sein“, sagt der andere. Eine gefährliche Fehleinschätzung.

Ist Ihr Kind gefährdet?

„Bei uns gehen Leute aus allen möglichen Milieus aus und ein und tauschen ihre Spritzen“, sagt Reinhard Auer, oberster Wiener Streetworker und Leiter der Drogenberatungsstelle am Karlsplatz. Suchtgefährdet seien seiner Erfahrung nach vor allem Jugendliche, denen es an Ansprechpersonen und Grundvertrauen mangelt und in deren Umfeld die sozialen Netze gerissen sind. „Das persönliche Umfeld spielt natürlich eine wichtige Rolle“, meint Auer. „Wenn jemand Familie, Freunde und wichtige Personen hat, an die er sich auch bei Problemen vertrauensvoll wenden kann, ist er sicher weniger gefährdet.“ „Besonders gefährdet sind auch Kinder und Jugendliche, welche in Familien leben, in denen ein Familienmitglied mit Suchtproblematik behaftet ist“, meint Wolfgang Bäcker. Der Sozialpädagoge leitet das Kompetenzzentrum Drogenprävention des MAG ELF Wien. „Auch Kinder und Jugendliche mit emotionalen Defiziten, Jugendliche mit Persönlichkeitsstörungen wie Unsicherheiten, aber auch Kinder und Jugendliche, welche Gewalt- und Missbrauchserfahrungen ausgesetzt waren und sind, sind besonders gefährdet.“ Die Entwicklung der Persönlichkeit und Problemlösungskompetenzen sind ebenfalls wichtige Parameter, wenn es darum geht, welche Erfahrungen Teenager mit Drogen machen, oder eben nicht machen – und welche Konsequenzen dies für ihren weiteren Lebensweg haben kann. Fakt ist: Früher oder später kommen in Österreich die meisten Jugendlichen in Kontakt mit illegalen Substanzen.

Warum nehmen Teenager Drogen?

Bereits mit 15 hat Suchtgiftexperten zufolge fast die Hälfte der Kids mindestens einmal „etwas ausprobiert“. Warum suchen Teenager den gefährlichen Drogen- Kick? Entwicklungspsychologisch kann Drogenkonsum generell als eine Möglichkeit der Grenz-erfahrung gedeutet werden. In den meisten Fällen steckt aber noch mehr dahinter. Schaut man genauer hin, verrät das Konsumverhalten oft die Wurzel des Problems. Sophie Lachout von ChEck iT! meint: „Im Gespräch spürt man sehr schnell, ob Teenager zwei, drei Mal im Jahr Drogen konsumieren, um eben Rausch, Ekstase oder ein bestimmtes Erlebnis zu evozieren. Oder ob jemand Probleme hat und diese mit häufigem Drogenkonsum zudecken will.“ Die Psychologin ist mit ChEck iT! regelmäßig bei Jugend- Events vor Ort. ChEck iT! analysiert illegale Drogen und überprüft, ob sie „nur“ die gewünschte Substanz enthalten, oder ob die Dealer sie mit gefährlichen Zusatzstoffen verschnitten haben. Wichtiger Bestandteil des Drogen-Checks: ein Beratungsgespräch. „Dabei zeigt sich, dass die Perspektivenlosigkeit bei den Teenagern in den letzten Jahren größer geworden ist“, erzählt Lachout. „Viele haben das Gefühl, dass es kaum Jobaussichten gibt. Auch, dass die sozialen Rahmenbedingungen enger und härter werden, ist im Drogenkonsumverhalten der Kids spürbar. Das erzählen uns die Kids. Viele von ihnen sind auch sehr, sehr froh, dass ihnen endlich jemand zuhört.“

So schützen Sie Ihr Kind vor Drogen

Wer seine Kinder vor der Suchtgefahr schützen will, tut gut daran, ihr Selbstwertgefühl auch beziehungsweise gerade in Krisenzeiten (Pubertät, Schulprobleme, ...) zu stärken, ihnen viel Liebe und Sicherheit zu geben. „Ideal ist ein offener, vertrauensvoller Umgang zwischen Eltern und Kindern“, erklärt Beate Tomas, Sozialarbeiterin, Psychotherapeutin und stellvertretende Geschäftsführerin bei „Dialog“, einer ambulanten Suchthilfeeinrichtung in Wien. Dabei sollen Eltern das Thema Drogen auch durchwegs von sich aus ansprechen. „Wichtig ist, dass die Eltern Drogen aber nicht verteufeln oder verharmlosen.“ Am besten funktioniert die innerfamiliäre Suchtprävention, wenn die Eltern den Kids von Anfang an viel Aufmerksamkeit schenken, und sie zu Menschen erziehen, die es gewohnt sind, eigene Entscheidungen zu treffen. „Jemand, der weiß, was er will, und genug Willenskraft hat, auch unter Gruppendruck ‚Nein‘ sagen zu können, ist gut gewappnet gegen die Suchtgefahr“, weiß Tomas. Wichtig ist aber auch die Vorbildwirkung innerhalb der Familie. „Wenn Kinder immer wieder sehen, wie sich Familienmitglieder mit Alkohol zumachen, können sie später beim Umgang mit illegalen  Rauschmitteln ein ähnliches Verhalten zeigen“, erklärt Mag. Martin Weber, Leiter des Dialog-Hauses „Needles or Pins.“ So kann also ein leichtsinniger Umgang mit legalen Drogen den Kindern den Weg in die Sucht nach illegalen Substanzen vorzeigen. Zum Glück bekommt nur ein relativ geringer Anteil aller Jugendlichen, die mit Drogen in Kontakt kommen, ein Sucht-Problem. Wenn das der Fall ist, bleiben die Eltern oft lange ahnungslos.  „Drogenkarrieren sind manchmal sehr unauffällig. In manchen Fällen merken die Angehörigen erst sehr spät, dass ein Jugendlicher ein Suchtproblem hat“, weiß Dr. Alexander David, Drogenbeauftragter der Stadt Wien. „Bei häufigem Konsum, gibt es jedoch auffälligere Zeichen, wie den Körper  verwahrlosen lassen, nicht zur Schule gehen und ein erhöhter Geldbedarf.“ Zwischen 20 und 30 Euro pro Tag braucht man, um den regelmäßigen Konsum von harten Drogen finanzieren zu können. Schwer abhängige Junkies müssen Tag für Tag um die 100 Euro für ihren Stoff auftreiben. „Das kann mit Schnorren, Geld von Angehörigen, Gelegenheitsarbeiten, oder mit Dealen finanziert werden“, weiß David. „Wenn das nicht mehr reicht, kommen
oft kleine Diebstähle oder Prostitution dazu.“

"Ich kiffe"

Drogen, nein, danke! Oder vielleicht doch: Ja, bitte? BabyExpress hat auf der Wiener Mariahilferstraße nachgefragt, wie Teenager zum Thema Drogen stehen.

Lukas (16), Lehrling im 1. Lehrjahr
„Ich kiffe und trinke auch ab und an etwas Alkohol. Ich habe einmal Ecstasy probiert. Ich war total überdreht und das hat mir nicht so gefallen. Kiffen relaxed mich einfach. Meine Freunde kiffen auch. Ich besorge oft selber Gras, ich hatte noch nie Probleme, welches zu bekommen. Meistens im Stadtpark.“

Alex (15), 6. Klasse Gymnasium
„Ich trinke hin und wieder Alkohol, mit Drogen habe ich aber nichts zu tun. Bei manchen Bekannten geht es ja noch, wenn sie leichte Drogen probieren wollen, aber von den harten Drogen halte ich überhaupt nichts. In der Schule kenne ich auch keinen, der Drogen nimmt.“

Sandra (14), 5. Klasse Gymnasium
„Ich halte nicht viel von Drogen. Ich kenne ein paar Leute, die Drogen nehmen. Sie sind aber ganz normal, außer halt, dass sie Drogen nehmen. Welche, weiß ich aber nicht. Wenn ich fortgehe, trinke ich Alkohol.“

Daniela (14), 1. Klasse Kindergartenschule
„Ich lehne Drogen total ab. In meinem Freundeskreis nimmt keiner Drogen. Ab und zu trinke ich beim Fortgehen einen Cocktail. Ich komme dann einfach besser in Fortgehstimmung. Wir werden eigentlich nie nach unserem Alter gefragt, wenn wir Alkohol konsumieren.“

Laura (18), Studentin
„Ich habe noch nie Drogen probiert. Ich kenne Leute, die Marihuana nehmen, ich versuche sie immer davon abzubringen, bisher aber ohne Erfolg. Bei Partys trinke ich auch mal über den Durst. Aber wer hat in unserem Alter denn noch nicht zuviel getrunken?“

Anna (18), Studentin
„Ich nehme keine Drogen. Ich habe auch keinen Kontakt zu solchen Leuten. Ich gehe gerne fort, ab und an trinke ich dann auch, manchmal auch etwas zuviel. Es ist oft einfach lustiger, wenn man ein bisschen etwas trinkt.“

Manfred (17), 2. Klasse HTL
„Ich habe schon einmal gekifft, viele meiner Freunde kiffen. Sie finden es cool, deshalb habe ich es auch einmal probiert. Mir ist aber schlecht geworden. Harte Drogen würde ich aber nie ausprobieren. Ich habe selbst noch nie Gras eingekauft, war nur einmal mit einem Freund am Westbahnhof welches kaufen. Es war kein Problem, das zu bekommen.“

Isabelle (15), 6. Klasse Gymnasium
„Ich nehme keine Drogen. Ich trinke höchstens einmal Alcopops, mehr nicht. Das auch nur, wenn wir mit Freunden unterwegs sind oder auf Partys. Betrunken war ich aber noch nie. Ich trinke nicht, weil ich es muss, sondern weil es mir schmeckt.“

Das sagen die Experten

„Der Konsum von illegalen Substanzen verbindet: In der Drogen-Szene stehen alle auf dünnem Eis, leben gefährlich, machen verbotene Dinge und stehen mit einem Fuß im Kriminal. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl kann auf Jugendliche, die sich allein gelassen fühlen, anziehend wirken.“ Reinhard Auer, Streetworker und Leiter der Drogenberatungsstelle am Karlsplatz

„Konsumenten von illegalen Drogen sind meist das letzte Glied in einer langen Kette und können oft nicht wissen, was in den Substanzen, die sie konsumieren, eigentlich drinnen ist. Und wer das Pech hat, eine verschnittene Droge zu erwischen, für den kann das ganz schnell ganz schlimm ausgehen.“ Sophie Lachout, ChEck iT!

„Eltern können Gefährdung und Sucht an Verhaltensänderungen erkennen. Unkonzentriertes, fahriges Verhalten verbunden mit verstärkten Aggressionen, Vernachlässigung des äußeren Erscheinungsbildes, spontaner Wechsel des Freundeskreises und in weiterer Folge auch gesundheitliche Beeinträchtigungen sind solche Merkmale.“ Wolfgang Bäcker, Leiter Kompetenzzentrum Drogenprävention Wien

„Wichtig für die Suchtprävention ist ein offener, vertrauensvoller Umgang zwischen Eltern und Kindern. Dabei können Eltern das Thema Drogen auch durchwegs von sich aus ansprechen. Wichtig ist, dass die Eltern Drogen aber nicht verteufeln oder verharmlosen.“ Beate Tomas, Sozialarbeiterin, Psychotherapeutin und stellvertretende Geschäftsführerin bei „Dialog“

„Die Vorbildwirkung ist wichtig. Das betrifft auch den Umgang mit legalen Drogen. Wenn Kinder immer wieder sehen, wie sich ihre Eltern mit Alkohol zuschütten, kann das dazu führen, dass sie beim Umgang mit illegalen Rauschmitteln ein ähnlich exzessives Verhalten zeigen.“ Martin Weber, Leiter „Needles or Pins“

„Prostitution passiert bei Jugendlichen oft im Bekanntenkreis: Man ist ein bisschen nett zu jemanden, bekommt dafür ein bisschen Geld oder gleich Stoff.“
Alexander David, Drogenbeauftragter der Stadt Wien