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Bus-Unglück: Die Angst fährt mit

7.10 Uhr am Morgen. Wie jeden Tag steigen Markus und Florian in den Bus der Linie 239. Er soll die beiden Buben von Klosterneuburg nach Wien bringen. Dann geht es weiter mit dem 38a. Für die Kinder ist die knapp zwanzigminütige Fahrt von Niederösterreich in die Bundeshauptstadt alles andere als angenehm. „Wir bekommen nie einen Sitzplatz und müssen immer stehen. Es sind so viele Menschen im Bus, dass man sich gar nicht bewegen kann. An manchen Haltestellen haben wir Probleme, überhaupt aus dem Bus herauszukommen, oder wir werden herausgeschubst, wenn einer aussteigt. Und dann kann es sogar passieren, dass wir nicht mehr in den Bus hineinkommen“, erzählt Florian. Ein Lokalaugenschein bestätigt die Schilderungen des Buben. Es ist kaum möglich, in den Bus zu gelangen. Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind wie Ölsardinen aneinandergequetscht. Die Scheiben sind beschlagen, der Lärmpegel ist hoch. Will ein Fahrgast an der Haltestelle aussteigen, dann beginnt ein Gedränge, das einem Angst und Bang wird. Angesichts solcher Zustände stellt sich die berechtigte Frage, ob hier noch von einem Mindestmaß an Verkehrssicherheit gesprochen werden darf oder es sich bereits um Fahrlässigkeit handelt. Während die Gesetzeslage so ziemlich jeden Bereich der Kinderbeförderung durch Privatpersonen regelt, Telefonieren während der Fahrt oder das nicht Anlegen des Sicherheitsgurtes im Auto bestraft werden, wird der Sicherheit unserer Kinder in den öffentlichen Bussen kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Nicht auszudenken was passiert, wenn ein vollbesetztes Fahrzeug in einen Auffahrunfall verwickelt wird oder eine Vollbremsung machen muss. Es gibt in der Regel zu wenig Haltegriffe, die meisten davon sind so hoch angebracht, dass kleiner Kinder keine Chance haben, diese zu erreichen. Kritische Stimmen meinen, jeder Viehtransport sei besser geregelt, als der Schülertransport.

Mehr Busse sind teuer

Das oben angeführte Beispiel ist kein Einzelfall. In fast jedem Bundesland gibt es Beschwerden über katastrophale Schülertransporte. In der Stadt Salzburg startet der tägliche Kampf um einen Platz im Autobus um spätestens 7.30 Uhr. Innerhalb einer halben Stunde vor Unterrichtsbeginn sind die meisten Obusse der Stadt überfüllt. Die starke Frühspitze ist, trotz Aufgebots aller Fahrzeuge, kaum zu bewältigen. Die Anschaffung zusätzlicher Busse, die nur zu Spitzenzeiten, also ein bis zwei Mal pro Tag, unterwegs sind, würde sich jedoch nicht rechnen. Da die meisten Schulen erst eine Viertelstunde vor Unterrichtsbeginn aufsperren, kommt es immer um die gleiche Uhrzeit zu einer Steigerung der Fahrgästezahl. Der Salzburger Verkehrsverbund forderte daher den Landesschulrat auf, die Schulen früher zu öffnen. Doch die Schulverantwortlichen spielen den Ball an Lehrer, Eltern und Kinder weiter. Passiert ist bisher nichts. Auch in Tirol fühlen sich viele Schüler eingepfercht, beklagen, dass sie bei relativ hoher Geschwindigkeit lange sehr nahe beieinander stehen müssen. Nach Lösungen wird schon lange gesucht. „Da der Unterricht im Normalfall um Punkt acht Uhr beginnt, sind viele Linienbusse gerade zu dieser Zeit hoffnungslos überfüllt“, sagt ÖAMTC-Jurist Alexander Letizki. Obwohl schon lange gefordert wird, dass jedes Kind einen eigenen Sitzplatz haben sollte, ist man in öffentlichen Bussen davon noch weit entfernt. Bei der Sitzplatzaufteilung gilt derzeit: Drei Kinder sind gleich zwei Kinder. Sicherheitsgurte sind gar nicht vorhanden und selbst wenn es sie gäbe, würden sie bei der 3=2 Regel nichts bringen. Außerdem gelten die EU-Richtlinien wonach alle neuen Busse mit Sicherheitsgurten ausgerüstet sein müssen, nicht für Linienbusse. In Deutschland geht man dennoch mit gutem Beispiel voran. Vor der Abfahrt von Bussen, die im Überlandverkehr eingesetzt werden, werden die Fahrgäste via Lautsprecher aufgefordert, den Sicherheitsgurt anzulegen.




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Bus-Unglück: Die Angst fährt mit

Zu wenig Sitz- und Stehplätze

Auch die Stehplätze stoßen an ihre Grenzen. „Abgesehen davon, dass die Schüler durch ihre schweren Taschen ohnehin bewegungseingeschränkt sind, gibt es im dichten Gedränge oft zu wenig geeignete Möglichkeiten, sich stehend festzuhalten“, so Letizki.

Obwohl eine gesetzliche 1:1-Regelung (ein Kind pro Sitzplatz) längst überfällig ist, bewegt sich der Amtsschimmel nicht vom Fleck. Und auch der zusätzliche Einsatz von Bussen zu Stoßzeiten wird, aufgrund der damit verbundenen Kosten, blockiert. Bleibt nur zu hoffen, dass die kostengünstige Nachrüstung mit Sicherheitsgurten in Linienbussen durchgeführt wird. Doch dazu ist neben gutem Willen auch Verständnis für die Sorgen von Eltern und Kindern nötig.

Gefahren sind gering

Leider wird die Gefahr für Schüler beim überfüllten Transport im Autobus selbst von so manchen Experten gering eingeschätzt. „Unfälle sind selten. Wenn die Busse in der Stadt unterwegs, kann es natürlich zu Auffahrunfällen kommen, doch der Schaden ist in den meisten Fällen für die betroffenen PKW größer. Wir sehen eher ein Risiko im Bereich der Haltestellen, wenn Kinder aussteigen und ein Auto übersehen“, meint beispielsweise DI Klaus Robatsch vom Kuratorium für Verkehrssicherheit. Trotz mehrmaligem Nachfragen bleibt er dabei: „Die Busse sind mit geringer Geschwindigkeit unterwegs, für Schulkinder besteht kaum Gefahr.“ Eltern und Kinder sind anderer Ansicht – und stehen damit zum Glück nicht alleine da. So wird in einer parlamentarischen Anfrage von Ende September deutlich, dass die betroffenen Schüler im Falle eines Ausweich- oder Bremsmanövers großen Gefahren ausgesetzt sind. Kritisiert wird, dass die Sicherheit der Kinder aus Kostengründen nicht garantiert werden kann. Vor allem dann wenn, wie momentan üblich, bis doppelt so viele Schüler als erlaubt transportiert werden.  Gehandelt wurde bisher leider nicht. Jeder kann sich davon überzeugen, wenn er kurz vor Schulbeginn in Linienbussen unterwegs ist. Was bleibt ist die Hoffung auf Verbesserungen und der Wunsch, es möge ja kein Unglück passieren...