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Ferienzeit: 340 Stunden am Bildschirm

Zum Ferienstart freuen sich viele Familien auf eine Zeit der Erholung. Medienexperte Florian Buschmann, Gründer der Initiative OFFLINE HELDEN, warnt jedoch davor, die sechs schulfreien Wochen zu unterschätzen: Für Kinder mit problematischem Medienkonsum können sie zur heikelsten Phase des Jahres werden. Denn mit dem Ende des Schulalltags fällt oft genau das weg, was im Alltag noch begrenzt und strukturiert – ein verlässlicher Rahmen.

Die Zahlen unterstreichen seine Einschätzung: Laut der aktuellen DAK-Mediensucht-Studie 2026, durchgeführt vom Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, steigt die tägliche Bildschirmzeit an schulfreien Tagen deutlich an. Gaming, Social Media und Streaming zusammengenommen wachsen von 343 Minuten an einem Schultag auf 490 Minuten – gut acht Stunden täglich. Hochgerechnet auf die sechs Wochen Sommerferien kommt ein Kind so auf rund 340 Stunden Bildschirmzeit. Das entspricht mehr als vierzehn vollen Tagen am Stück.

„Im Schuljahr wirkt der Wochentag wie ein Puffer. Fünf strukturierte Tage bremsen den Konsum, das Wochenende ist der Ausreißer", erklärt Buschmann. „In den Ferien fällt dieser Puffer komplett weg. Aus dem Wochenend-Ausnahmezustand wird der Normalzustand – sechs Wochen am Stück."

Warum fehlende Struktur den Konsum verstärkt

Wenn Schule, Termine und feste Abläufe wegfallen, gewinnt der Bildschirm für viele Kinder zusätzlich an Anziehungskraft. Er bietet sofortige Reize, klare Aufgaben und direkte Rückmeldung. „Ein Spiel sagt dem Kind jede Minute, was als Nächstes zu tun ist und ob es gut war", sagt der Medienexperte. „Das echte Leben in den Ferien ist dagegen oft offen, langsam und anstrengender. Kein Wunder, dass viele Kinder sich für die vermeintlich einfachere Variante mit der klareren Rückmeldung entscheiden."

Problematisch wird es dann, wenn reale Aktivitäten zunehmend an Bedeutung verlieren. „Wir sehen Kinder, die Verabredungen absagen, den Ausflug verweigern oder das Training schwänzen – nicht aus Trotz, sondern weil sich die reale Welt irgendwann wie eine Unterbrechung des eigentlichen Lebens anfühlt, das online stattfindet."

Verschärft wird die Lage durch den Ferienalltag vieler Familien. Berufstätige Eltern haben über sechs Wochen oft keine durchgehende Betreuung. „Das Gerät wird zum Babysitter – und zwar aus echter Not, nicht aus Bequemlichkeit", betont Florian Buschmann. „Diesen Eltern ist mit erhobenem Zeigefinger nicht geholfen. Sie brauchen Lösungen, die auch ohne Dauer-Aufsicht funktionieren."

Eigene Erfahrung: Warum die Ferien brandgefährlich werden können

Der 24-Jährige kennt dieses Muster nicht nur aus über 1.500 Workshops mit mehr als 50.000 Teilnehmenden, sondern auch aus eigener Erfahrung. Als Jugendlicher war er selbst mediensüchtig. „Meine Sucht ist nicht im Schulstress entstanden, sondern in den Lücken. Und kein Zeitraum hatte so große Lücken wie die Sommerferien", erklärt er. „Im Schuljahr hat mich der Rahmen noch irgendwie gehalten. In den Ferien gab es diesen Rahmen nicht – und genau da ist aus einem Hobby ein Lebensmittelpunkt geworden. Was nach Freiheit aussieht, kann für suchtgefährdete Kinder in Wahrheit ein Absturz in den Dauerkonsum sein. Die Ferien waren für mich nicht Erholung, sondern der Beschleuniger."

Wenn die Erholung in den Ferien ausbleibt

Eigentlich sollen die Sommerferien Schlaf, Bewegung und echte Pausen vom Leistungsdruck ermöglichen. Bei problematischem Medienkonsum fällt genau das jedoch häufig weg. „Wer bis vier Uhr morgens zockt und bis mittags schläft, erholt sich nicht, sondern verschiebt den gesamten Rhythmus", sagt der Experte. „Dauerberieselung ist das Gegenteil von Erholung. Viele Kinder gehen erschöpfter aus den Ferien heraus, als sie hineingegangen sind."

Was Eltern konkret tun können

Seine wichtigste Botschaft zielt nicht auf Verbote. „Sechs Wochen Handyverbot funktioniert nicht und verbrennt nur die Beziehung", ist Buschmann überzeugt. Stattdessen empfiehlt er zwei konkrete Hebel, die ohne Dauerkontrolle auskommen.

Erstens: Bildschirmzeit an feste Tageszeiten koppeln statt an ein täglich neu verhandeltes Stundenkonto. Statt „zwei Stunden" lieber „nach dem Mittagessen, nicht davor". „Eine feste Tageszeit ist im Familienalltag oft leichter durchzuhalten als eine Zahl, über die jeden Tag neu gestritten wird", so Buschmann.

Zweitens: Langeweile aushalten, statt sie sofort zuzustopfen. Viele Eltern greifen genau im falschen Moment zum Gerät: wenn das Kind „Mir ist langweilig" sagt. „Langeweile fühlt sich für viele Eltern wie ein Versagen an. Dabei ist sie das Gegenteil", sagt er. „Langeweile ist der Moment, in dem das Gehirn anfängt, selbst etwas zu erschaffen. Wer sie sofort mit einem Tablet beendet, nimmt dem Kind genau die Fähigkeit, die in den Ferien wachsen könnte: aus leerer Zeit eigene Ideen zu machen."

Sein Fazit: „Die Ferien sind keine Bedrohung. Aber sie werden oft zum Verstärker. Eltern, die das wissen, können die sechs Wochen bewusst gestalten – mit klaren Strukturen, wiederkehrenden Offline-Aktivitäten und festen Bildschirmfenstern. Genau so entsteht die Selbststeuerung, die Kinder auch über die Ferien hinaus dringend brauchen."

Foto: Shutterstock/Arsenii Palivoda